Der Kabarettist Georg Schramm ist bekannt für seine Rollen als scharfzüngiger Rentner Lothar Dombrowski und als süffisanter Oberstleutnant Sanftleben. Damit war er zu Gast in „Scheibenwischer“ oder „Neues aus der Anstalt“. Schramm gilt als besonders sarkastisch. Martin Kaul hat ihn für die „taz“ interviewt (17./18.8.13).
Schramm: … Und jetzt sage ich Ihnen, warum es mir auch persönlich so geht wie vielen anderen. In meinem Innersten, in meinem Herzen bin ich ein kleiner, ängstlicher Sozialdemokrat, der Angst davor hat, dass man ihm vorwirft, ein vaterlandsloser Geselle zu sein. Ich mache es wie ein Dackel im Wald. Ich belle ganz laut, damit keiner merkt, dass ich ein kleiner ängstlicher Köter bin. Aber ich arbeite gegen meine Ängstlichkeit an.
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taz: Was spüren Sie denn hier in Deutschland?
Schramm: Ich spüre gar nichts. Ich kann mich erinnern, dass viele Menschen meiner Generation vor 20 Jahren diskutiert haben, dass ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland abgehängt wird, wenn wir nicht aufpassen. Heute haben wir das. Ich habe das Gefühl, die Zweidrittelgesellschaft ist schon da.
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taz: Sie sind offenbar zornig und predigen den Widerstand – und doch gibt es eine letzte Schwelle, selbst auf die Straße zu gehen?
Schramm: Vielleicht hat das auch mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin Jahrgang 1949. Bei den großen Straßendemonstrationen 1968 wäre ich in dem Alter gewesen, dabei zu sein. Da war ich nicht auf der Straße, sondern bei der Bundeswehr. Wir haben dort diskutiert, ob die Bundeswehr laut Notstandsgesetz bei inneren Unruhen eingesetzt werden darf oder nicht. Meine Haltung dazu hat mir meine erste negative Beurteilung eingebracht.
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taz: Wo waren Sie, als die RAF in Deutschland unterwegs war?
Schramm: Ich war damals Psychologe in einer Reha-Klinik am Bodensee und habe das aus großer Distanz, aber gleichzeitig mit klammheimlicher Freude miterlebt. Ich kann bis heute nicht verhehlen, dass ich immer das Gefühl hatte, beim Schleyer haben sie nicht den Falschen getroffen. Ich habe es in meinem Programm mal thematisiert. Das war immer ganz heikel.
taz: Heute ist die Empörung groß, wenn bei einer Demonstration mal etwas kaputtgeht.
Schramm: Ich habe da auch eine große Abneigung. Ich war in meinem Leben noch nie in eine Schlägerei verwickelt. Und ich sage Ihnen jetzt etwas, das ich ganz schlimm finde. In den letzten Jahren mehrt sich in mir das Gefühl, dass die kleinen Veränderungen zum Guten, die den Veränderungen zum Schlechten überhaupt nicht standhalten können, dass diese Veränderungen zum Guten gerade aus der Mitte des Bürgertums kommen. Ich habe das Gefühl, dass die Impulse gar nicht aus der linken Ecke kommen. Die Impulse kommen von Leuten wie dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.
taz: Was ist daran schlimm?
Schramm: Ich finde das irgendwie furchtbar. Aber ich bete jeden zweiten Tag, dass der Mann lange gesund bleibt. In einem Land, das 60 Jahre der CDU gehört hat, wird einer mit einer Vergangenheit im Kommunistischen Bund heute Ministerpräsident. Wenn ich katholisch wäre, würde ich Kerzen anzünden. Der Fortschritt ist eine solche Schnecke.
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taz: Sie haben es weit geschafft. 2012 waren Sie kurzzeitig als Gegenkandidat für die Wahl des Bundespräsidenten im Gespräch.
Schramm: Es ist gut, dass mir das erspart geblieben ist. Ich glaube, ich bin als Kabarettist deutlich besser. …
taz: Wen würden Sie denn mitnehmen, um heroisch abzutreten?
Schramm: Ich beschäftige mich nicht wirklich damit, wie ich abtreten kann. Aber weniger heroisch. Ich möchte mir mein Leben nehmen können, bevor ich zum Beispiel dement werde und die Krankheit meine Persönlichkeit ruiniert. … Der Freitod ist etwas sehr Wertvolles und Positives.