In meinem letzten Buch „Deutsche Diskurse“ (2. Auflage 2009) hatte ich 20 Diskurse untersucht. Ich gelangte zu dem Ergebnis, dass Deutschsein und Weltoffenheit keine Gegensätze mehr waren. Das wurde seinerzeit nicht recht zur Kenntnis genommen, wie es häufig ist.
Mittlerweile ist die Beobachtung Deutschlands weitergegangen. Ich fasse sie in acht (8) Punkten zusammen und ende mit einem Interview.
1. Der „Economist“ charakterisierte Deutschland 1999 als „kranken Mann Europas“, 2005 lobte er Gerhard Schröders soziale Reformen und nun konstatiert er Deutschland als „widerwillige Hegemonialmacht“ (The Reluctant Hegemon, ein Begriff des britischen Politologen William E. Paterson von 2011).
2. Die Europäer wollen Begriffe verstehen wie „Schuldenbremse“, „duales Ausbildungssystem“, „Zwei-Stimmen-Wahlrecht“ und „le Mittelstand“.
3. Deutschland wird von einer ostdeutschen Frau regiert, der Außenminister ist schwul, der Finanzminister sitzt im Rollstuhl, und der Wirtschaftsminister stammt aus Asien.
4. Deutschland hat sich mit seiner Nazi-Vergangenheit relativ intensiv auseinandergesetzt.
5. Als Angela Merkel einen jungen Briten danach fragte, warum er in Deutschland studiere, antwortete dieser mit angelsächsischer Nüchternheit: „Nun, die Ausbildung in Deutschland ist umsonst, und das Leben ist viel billiger als anderswo auf der Welt, Frau Bundeskanzlerin.“ (Evelyn Roll, SZ 12.7.13)
6. Der italienische Deutschland-Kenner Angelo Bolaffi vergleicht Italien und Deutschland und kritisiert an Italien, dass der dritte Modernisierungsschritt nach dem a) Risorgimento (Einigung im 19. Jahrhundert) und der b) Resistenza (antifaschistischer Widerstand), nämlich die Einrichtung sozialer Verlässlichkeit in Italien, verpasst worden sei.
7. Für Europa gehe es nicht mehr um a) inneren Frieden (Pace), sondern b) um Selbstbehauptung (Potenza) in der Welt.
8. Die jungen Menschen in Deutschland werde man nicht für Europa gewinnen mit vergangenheitspolitischen Bestrafungsimperativen. Deutschland habe mehr anzubieten als schmallippige Regeltreue und bittere Haushaltskonsolidierung, nämlich einen attraktiven Lebensstil, zusammengesetzt aus postnationaler Lässigkeit und sozialer Verlässlichkeit. (Gustav Seibt, SZ 13./14.7.13)
Der aus den Niederlanden stammende US-Amerikaner Marijn Dekkers ist Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, die 150 Jahre alt wird. Georg Meck hat ihn für die FAS interviewt (14.7.13).
FAS: Im Moment läuft es doch prima. Deutschland wird um seine Wirtschaftskraft beneidet.
Dekkers: Das stimmt, aber wie gut könnte man leben, wenn man etwas offener wäre gegenüber neuen Technologien? Die Deutschen sind da sehr, sehr konservativ. Man will Fortschritt, ohne etwas zu wagen, ohne etwas aufzugeben. Man muss natürlich immer alle Risiken genau analysieren. Aber man darf nicht so lange nur über Risiken diskutieren, bis die Chancen vertan sind oder von anderen genutzt werden.
FAS: Ist diese Haltung eine deutsche Spezialität?
Dekkers: Ja, ich denke schon. Das habe ich schon vor dreißig Jahren gespürt, als ich in Emmerich Tennis gespielt habe. Die Deutschen konnten sich den Luxus gewisser Vorbehalte gegenüber neuen Technologien leisten, weil sie in anderen Sachen so gut waren. Eine einmalige Stärke ist zum Beispiel der Mittelstand. Als ich hier ankam, habe ich nicht verstanden, warum das so ist, dann bin ich darauf gekommen: Es ist eine Frage der Erbschaftssteuer.
FAS: Wie das?
Dekkers: In Deutschland wird ein Betrieb leicht von einer Generation zur nächsten vererbt. In Amerika ist das anders: Man versucht, Dynastien zu vermeiden, deswegen sind jenseits des Atlantiks relativ schnell 50 Prozent Erbschaftssteuer fällig. Wer eine Firma für 100 Millionen Dollar erbt, muss 50 Millionen an den Staat geben. Deswegen verkauft er den Betrieb an ein größeres Unternehmen. Das ist der Unterschied.