Obwohl vieles noch nicht erreicht ist bei der Gleichberechtigung von Frauen in Deutschland, registriere ich eine gewisse Müdigkeit bei Gender-Diskursen. Eine aktuelle Variante des Themas haben wir erlebt angesichts der Tatsache, dass Straftäter, auch wenn sie weiblich sind, von den Massenmedien gerne in der männlichen Form präsentiert werden. Der große Aufschrei in der Öffentlichkeit blieb aus. Eigentümlich hat sich Harald Martenstein im „Zeit“-Magazin (6.6.13) den Gender Studies angenommen. Ihm wurde u.a. von Sabine Hark und Paula-Irene Villa vehement widersprochen (taz 14.6.13), ohne dass ich davon überzeugt werden konnte. Ich möchte Martensteins Überlegungen in 20 Thesen reflektieren.
1. 2011 gab es in Deutschland 173 Genderprofessuren, die fast ausschließlich mit Frauen besetzt sind. Die Slawistik hat 100 Professuren. Die Paläontologie, die für die Klimaforschung nützlich ist, hat seit 1997 21 Lehrstühle verloren.
2. Die Gender Studies haben ein Feindbild von den Naturwissenschaften.
3. Jede Wissenschaft ist interessengeleitet und parteilich. Das gilt gerade für die Wissenschaftler, die sich für „werturteilsfrei“ halten. Sie wissen es noch nicht besser. Auch die Gender Studies sind parteilich.
4. Die Gender Studies befürchten, dass Jungen zu Hause, in Kindergärten und Schulen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden.
5. Bei den Ingenieuren sind in Deutschland 9 Prozent der Professoren weiblich, in den Geisteswissenschaften 30 (in beiden Fällen zu wenig).
6. Bietet man Kindern in einem bestimmten Alter Spielzeug an, kriechen Jungen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen.
7. Mädchen reagieren stärker als Jungen auf Gesichter, Jungen stärker auf mechanische Geräte.
8. Wenn Frauen und Männer zu wissenschaftlichen Tests eingeladen werden, warten Frauen gerne in Gruppen, Männer lieber alleine.
9. Frauen und Männer haben im Durchschnitt den gleichen Intelligenzquotienten (IQ). Aber am unteren und oberen Ende der Skala befinden sich mehr Männer.
10. Unter Männern finden sich weit mehr Eigenbrötler als unter Frauen.
11. Kirchtürme beispielsweise sind phallische Symbole, sie penetrieren das Dorf, in dem sie stehen, geradezu.
12. Männer haben an Fahrkartenautomaten weniger Angst vor Misserfolgen als Frauen.
13. Die Zahl der Feuerwehrfrauen steigt an.
14. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer.
15. Wenn die Gender Studies behaupten, alles sei Konstruktion, auch die Naturwissenschaften mit ihren scheinbar unverrückbaren Daten der Evolution, dann sind auch die Gender Studies eine Konstruktion.
16. Alle wesentlichen Geschlechterunterschiede lassen sich davon ableiten, dass es mehr als unter Frauen Männer gibt, die Risiken eingehen, Freude an Konkurrenzsituationen haben, sich von Misserfolgen nicht entmutigen lassen und Rangordnungen etablieren.
17. In den repressionsfreien Kinderläden der Studentenbewegung haben die Jungen die Mädchen stärker dominiert als in traditionellen Kindergärten.
18. Männer sind Spezialisten in der Selbstdarstellung und im Imponierverhalten. Allein das sorgt schon für mehr Beachtung und Ansehen.
19. Die Grenze zu ziehen zwischen dem, was bei unserem Verhalten aus der Natur kommt, und dem, was kulturell bestimmt ist, fällt – auch wissenschaftlich – zunehmend schwerer.
20. Judith Butler fragt: Warum nehmen wir statt zwei (2) Geschlechtern nicht lieber neun (9)?