Das Deutsche Jugend-Institut (DJI) in München befasst sich als größte Forschungseinrichtung in Deutschland mit Kindheit, Jugend und Familie. Es wird 50 Jahre alt. Für die SZ (26.6.) interviewt Ulrike Heidenreich dessen Direktor, Thomas Rauschenbach.
SZ: Aufwachsen in Deutschland – ist das heute schwieriger oder leichter als vor 50 Jahren?
Rauschenbach: Es ist anders. Ich finde, dass die Zeiten früher für Jugendliche attraktiv waren. Jugend in den 1960er Jahren bedeutete Aufbruch. Jugend – das waren der Blick in die Zukunft und der Protest gegen die als spießig empfundene Nachkriegsgesellschaft. Es ging darum, Grenzen aufzubrechen in der Musik, in der Mode, es ging um Geschlechtergerechtigkeit, Ökologie, Antimilitarismus. Daran gemessen ist Jugend heutzutage eher unaufgeregt und unspektakulär. Sie kann nicht mehr mit neuen Themen auftrumpfen.
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SZ: Haben Sie ein Rezept gegen diese große Verunsicherung?
Rauschenbach: Man sollte innehalten, wenn man in einem Kreislauf ist, in dem man ständig an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Dass Kinder mit zwei Jahren schon Mandarin oder Englisch lernen müssen, geht in diese Richtung. Immer diese Angst, man könnte zu spät dran sein, die Kinder könnten es nicht schaffen! Langsam, langsam, wäre da mein Rat. Wir brauchen mehr Gelassenheit und Selbstvertrauen.
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SZ: Das Betreuungsgeld lässt sich ja erst mal nicht mehr aufhalten.
Rauschenbach: Was ich dabei irritierend finde, ist, dass es reine Symbolpolitik ist. Statt konsequent zu sagen, man setzt auf Erziehung in der Familie, bekommt nun jeder 100 Euro, der auf öffentliche Kinderbetreuung verzichtet – egal, ob er selbst oder das Kindermädchen sich um die Kleinen kümmert. Damit haben die Politiker die Glaubwürdigkeit des Arguments aufs Spiel gesetzt.