433: Türkische Bürger setzen Drohnen ein.

Drohnen werden nicht nur von Militär, Geheimdiensten und Polizei eingesetzt. Neuerdings verwenden sie Bürger, um staatliche Gewalt zu zeigen. Etwa in Istanbul in der Türkei (http://vimeo.com/jenk1907/videos). Hier arbeiten zwei Bürger, (jenk1907) und Ufuk A., mit zwei Drohnen zur Aufklärung über die Polizei. Alex Rühle hat sie für die SZ (19.6.13) interviewt.

SZ: Hallo Herr „Jenk“. Wie kommt man denn an eine Drohne?

Jenk1907: Die gibt es mittlerweile in jedem Hobbyladen. Wir haben die hier in Istanbul gekauft, zwei DJI Phantom. Vor ungefähr einem Monat.

SZ: Wollten Sie damals schon damit Polizeiaktionen filmen?

Jenk1907: Nein, wir hatten doch keine Ahnung, was hier passieren würde. Aber der Kauf hängt tatsächlich mit dem Gezi-Park zusammen, in dem die Unruhen ja begannen: Wir wussten, dass er verschwinden würde für einen Haufen Beton. Als Istanbuler hänge ich sehr an diesem Park und wollte ihn einfach noch mal von oben filmen.

SZ: Und wann haben Sie entschieden, die Drohne als eine Art Augenzeugen für die Demonstrationen einzusetzen?

Jenk1907: Ich hab‘ gesehen, wie alte Frauen und Familien von der Polizei attackiert wurden. Ärzte wurden in Handschellen abgeführt, weil sie Verletzten helfen wollten. Kinder standen weinend inmitten des Tränengases und der Wasserwerfer.

Ufuk A.: Die Regierung zerstört alle öffentlichen Orte, geht mit Panzern gegen die eigene Bevölkerung vor, zensiert die Medien – Erdogan will aus der Türkei einen Iran machen, man muss einfach dokumentieren, was hier passiert.

SZ: Jetzt filmen Sie also die Proteste und die Polizeieinsätze von oben. Teilweise scheinen Sie ja nur wenige Meter über dem Erdboden zu fliegen. Ist Ihre Drohne denn unsichtbar?

Ufuk A.: Überhaupt nicht. Die hat sehr helle rote und grüne LED-Lichter und kann sich ja auch nicht verstecken in der Luft.

SZ: Den Videos nach sind Sie sehr versiert im Steuern einer Drohne.

Jenk1907: Ach was, wir sind Anfänger. Inzwischen können wir ganz gut steuern, aber wir machen die Starts und Landungen immer noch am liebsten von einer Terrasse oder einem Dach aus, einem Ort, wo keine Menschen sind. Was wir machen, ist sehr riskant, und man muss sich schon sehr konzentrieren, um eine Drohne an einem Ort fliegen zu lassen, an dem derart viele Frequenzen und Störsender durcheinanderlaufen.

SZ: In türkischen Medien hieß es, Ihr seid von der Presse.

Ufuk A.: Völliger Unsinn, Jenk hat einen amerikanischen Abschluss in internationaler Betriebswirtschaft, ich habe ein kleines Unternehmen.

SZ: Und wie reagieren die Demonstranten auf Eure Drohnen?

Jenk1907: Die meisten sehr positiv. Manche Leute haben Dinge danach geworfen, weil sie dachten, das sei eine Polizeidrohne. In solchen Fällen steuere ich die Drohne immer direkt über meinem Kopf, damit sie sehen, dass ich kein Cop bin. Inzwischen winken viele oder schwenken ihre Fahnen, wenn sie sie entdecken.

SZ: Und die Polizei?

Jenk1907: Wir standen manchmal direkt neben den Einsatzkräften. Die haben anfangs neugierige Fragen gestellt, so wie, Jungs: Wie teuer ist so eine Maschine? Hat sie fasziniert, dass dieses kleine Ding tatsächlich fliegen und aufnehmen kann.

SZ: Aber dann haben sie Ihre Drohne abgeschossen.

Ufuk A.: Am 11. Juni waren wir am Taksim-Platz. Der Gouverneur von Istanbul hatte versprochen, den Park nicht zu stürmen. Als die Polizei das dann doch machte, haben wir das von oben gefilmt. Ich bin mit der Drohne weiter runtergegangen, so auf zwölf Meter, um zu filmen, ob die Polizisten wieder ihre Dienstnummern überklebt haben. Da haben sie sie abgeschossen.

SZ: Und? Konnten Sie sie reparieren?

Ufuk A.: Wäre wohl gegangen, die Kugeln hatten nur die Kamera getroffen. Aber sie haben mich mitgenommen und zusammengeschlagen und dabei auch die Drohne so weit demoliert, dass sie jetzt nicht mehr funktioniert.

SZ: Man sieht auf Ihren Luftaufnahmen immer wieder riesige Tränengaswolken.

Jenk1907: Ja. Istanbul im Nebel. Wir haben immer Gasmasken dabei. Fast noch gemeiner als das Tränengas sind aber die Wasserwerfer. Das Wasser wird mit Jenix versetzt, einer Chemikalie, die starke allergische Reaktionen verursacht.

Ufuk A.: Am gefährlichsten ist, dass sie gezielt auf die Köpfe schießen.

 

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