Benjamin von Stuckrad-Barre ist Schriftsteller und Moderator. 1998 erschien sein Debütroman „Soloalbum“. Seit 2010 ist er Gastgeber bei „Stuckrad Late Night“ auf ZDFneo. Für mich ist er der vielleicht scharfzüngigste Journalist, den ich kenne. Sein Kollege Frank-Markus Barwasser („Pelzig hält sich“) ist auch nicht von schlechten Eltern. Tobias Haberl hat beide in der SZ interviewt (15./16.6.13). Weil Barwasser sich moderater äußerte, kommt er hier nicht vor. Stuckrad gibt zu, dass er manchmal nur „FDP“ in den Saal rufen muss, um Riesengelächter zu provozieren. Claudia Roth (Grüne) nennt er die „Queen der Authentizität“.
SZ: Warum laden Sie fast ausschließlich Politiker ein?
Stuckrad: Weil es mich interessiert. Und weil im Fernsehen auch einen Ort geben muss, an dem mit Politikern in normaler Sprache geredet wird. Die meisten Politiksendungen im deutschen Fernsehen sind doch bloß Gewächshäuser dieser seltsamen, formelhaften, völlig hermetischen Politiker-Spezialsprache. Ein Extrembeispiel: Volker Kauder bei Ulrich Deppendorf. Die tauschen zwanzig Minuten Rollenprosa aus, Umfragewerte, Koalitionsaussagen, das Studio ist eine reine Zitat-Abladestelle, das Interview rhetorisches Ballett, ein Schleiertanz, frei von Geist und Charme. Es ist vollkommen ausgeschlossen und auch beidseitig unerwünscht, dass der eine den anderen überrascht. Vor diesem Schwachsinn möchte ich meine Gäste beschützen.
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SZ: Welche Gäste haben bewiesen, dass sie humorfrei sind?
Stuckrad: Gregor Gysi. Wie bei jedem Gast habe ich vorher auch über ihn alles gelesen, und eine Sache ist mir dabei sofort aufgefallen, nämlich die Fülle dessen, was man alles über ihn nicht sagen darf, so richtig gerichtlich verboten. Ich habe ihn dann gefragt, was es kostet, wenn ich ihn IM Notar nenne. Und er meinte, zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Und darauf ich: Ach, das ist ja superbillig, das kann ich mir leisten, und fing an: IM Notar. Und nochmal: IM Notar. Er wurde richtig sauer, weil er ja lieber die Witze macht. Am nächsten Tag hat er erfolglos versucht, die Ausstrahlung der Passage per Anwalt verbieten zu lassen.
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SZ: Wird es leichter oder schwieriger, sich eine politische Meinung zu bilden, wenn man ständig die Protagonisten der Berliner Republik kennenlernt?
Stuckrad: Es wird schwieriger, weil man feststellt: Eigentlich kann ich die alle nicht wählen. Aber dagegen muss man immer wieder ankämpfen. Andererseits lösen diese Begegnungen bei mir auch zunehmend Mitleid aus. Ich habe wirklich Respekt vor Menschen, die ihr Leben diesem Wahnsinnsberuf opfern. Man darf es sich also nicht so leicht machen, sonst landet man bei so einer
Antipartei wie diesen europafeindlichen Professoren,
die öfter mal nachts raus müssen.
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SZ: Hat Peer Steinbrück im September eine Chance?
Stuckrad: Die SPD mag Peer Steinbrück nicht, hält ihn lustigerweise gerade deshalb für einen geeigneten Kanzlerkandidaten, und er selbst muss permanent gegen seine Überzeugungen agieren, damit die Partei ihm seine Tollpatschigkeiten nachsieht. Das ist Merkels Vorteil: Man ertappt sie nie beim Bruch vormaliger Grundsätze, dafür müsste sie erst mal welche haben.