Der amerikanische Psychiater und Traumforscher Allan Hobson ist so alt (79 Jahre), dass er Widersprüche und Provokationen nicht mehr scheut. In der Folge 22 seiner „Wissenschaftsgespräche“ hat Stefan Klein ihn im „Zeit“-Magazin befragt (16.5.13).
Klein: Sie haben jahrelang Psychologen gegen sich aufgebracht, indem sie Träume zur Folge zufälliger Hirnerregungen erklärten. Sie hätten gar keine Bedeutung, meinten Sie.
Hobson: Nun, ich habe gesagt, Träume haben keine versteckte Bedeutung. Ein Psychoanalytiker würde im Traum von der Besteigung eines Berges vielleicht einen uneingestandenen Wunsch nach Inzest mit der Mutter sehen. So ein Unsinn! Im Übrigen habe ich in den letzten Jahren meine Meinung geändert. Heute glaube ich, Träume sind wichtig. Sie handeln von den grundlegenden Dingen des Lebens – Gefühlen, Bewegungen, Wahrnehmungen. Träumend trainiert das Gehirn den Umgang damit: Es übt für den Tag. Aber das ist vielen Menschen zu wenig. Sie wollen den Traum als Glückskeks sehen …
Klein: … aus dem sie die Zukunft herauslesen können. Sehnen Sie sich etwa nicht nach einer tieferen Bedeutung Ihrer Träume? Sie haben Ihre Karriere als Psychoanalytiker begonnen.
Hobson: Menschliches Verhalten und Psychiatrie faszinierten mich schon immer. Da lag eine Ausbildung in Psychoanalyse nahe. Und ich versuchte, daran zu glauben. Aber es widerte mich zunehmend an, als ich sah, wie die Analytiker dachten und wie sie Menschen behandelten. Lange meinte ich, der Fehler läge bei mir. Ich wollte ja Analytiker sein.
Klein: Was ärgerte Sie so?
Hobson: Ich war Assistenzarzt in einem öffentlichen psychiatrischen Krankenhaus in der Innenstadt von Boston. Da kamen die Analytiker im Mercedes aus den reichen Vororten angefahren und erklärten etwa der Mutter eines schizophrenen jungen Mannes, dass sie an der Krankheit ihres Sohns schuld sei. Das war nicht nur offensichtlich falsch, sondern zerstörerisch. Wenn ich bei den Kollegen nachfragte, erwiderten sie: Warum die Frage? Ob ich vielleicht meinen Vater nicht ausstehen könne? Da sah ich rot und kündigte.
Klein: Was taten Sie danach?
Hobson: Vor allem war es mein Interesse, das Bewusstsein zu studieren, aber das wurde mir erst viel später klar. Jedenfalls ging ich in die Hirnforschung und experimentierte über die neuronalen Grundlagen des Schlafes. Gleichzeitig arbeitete ich halbtags weiter als Psychiater, nur verließ ich mich statt auf die Analyse jetzt auf den gesunden Menschenverstand.
…
Klein: Warum sind wir nicht weiter (in der Psychiatrie, W.S.)?
Hobson: Weil die meisten Forscher einäugig sind: Sie nehmen entweder nur die Daten der Hirnforschung ernst oder nur subjektive Erfahrungen. Heute aber können wir die Vorgänge im Gehirn zusammenbringen mit dem, was wir erleben. Nur so werden wir eines Tages nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt der Träume verstehen.
Klein: Wollen wir das wirklich?
Hobson: Warum nicht?
Klein: Weil Träume dann wohl aufhören werden, ein Geheimnis des Träumers zu sein. Einer Gruppe von Neurowissenschaftlern in Kyoto soll es neulich gelungen sein, in den Gehirnen Schlafender zu lesen. Messungen der Hirnaktivität verrieten ihnen den Inhalt der Träume. Würden Sie sich so in den Kopf schauen lassen?
Hobson: Ja. Erst Freud hat doch die Menschen dazu gebracht, sich ihrer Träume zu schämen. Wir haben dazu keinen Grund. Ich habe aus meinen Träumen, auch wenn sie von Sex und Gewalt handelten, nie ein Geheimnis gemacht.