401: Warum es so gut für uns ist, wenn es uns schlecht geht.

Seit eh und je verfahren die modernen Massenmedien nach dem Motto „Bad news is good news.“ (Eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht.) Das führen viele von uns auf einen robusten Geschäftssinn zurück. Gewiss mit Recht. Weniger haben sich Gedanken darüber gemacht, welche Reflexe es bei uns Rezipienten sind, die das Motto rechtfertigen. Da stoßen wir auf einige Gründe.

1. Die menschliche Wahrnehmung ist sehr unzuverlässig. Unsere Erinnerungen betrügen uns, und Gefühle beherrschen unsere Bewertungen. Nicht die berüchtigten „Fakten, Fakten, Fakten“, das war nur ein Propaganda-Gag einer deutschen Zeitschrift.

2. Das Wahrnehmungsmuster der „selektiven Verfügbarkeit“ sorgt dafür, dass die Gegenwart im Vergleich mit der Vergangenheit meistens schlecht abschneidet. Das führt zu dem so weit verbreiteten Märchen von der „guten alten Zeit“. Wenn wir die Gegenwart bewerten, fallen uns unsere aktuellen Probleme ein, denken wir an die Vergangenheit, so sind die Probleme entweder verblasst oder gelöst („Auf die Entfernung schwinden die Schatten.“).

3. Wahrscheinlich lässt sich unsere Vorliebe für gegenwärtige Widrigkeiten aus der Evolution ableiten. Wer seine Aufmerksamkeit stärker auf das Schlechte und Gefährliche richtete, hatte größere Chancen, sich anzupassen, zu überleben und sich fortzupflanzen.

Damit haben sich Christoph Drösser und Martin Spiewak in der „Zeit“ befasst (21.3.13). Aber sie tun noch mehr. Sie bringen einige schlagende Illustrationen ihrer Perspektive.

„Wir leben länger und gesünder als noch vor 40 Jahren, wir arbeiten weniger und sind dennoch reicher. Unsere Kinder erhalten eine höherwertige Bildung, die Generationen verstehen sich prächtig, die Umwelt ist so sauber wie lange nicht mehr. Wir leben – historisch einmalig – mit allen unseren europäischen Nachbarn seit Jahrzehnten im Frieden, Gewalt und gesellschaftliche Konflikte haben sich stark verringert. Nicht alle profitieren im gleichen Maße von diesem Mehr an Lebensqualität und Wohlstand, aber für die Mehrheit zeigen die langfristigen Trends in eine positive Richtung. Das gilt für Deutschland, aber mehr noch für den Rest der Welt.“ Mittlerweile verliert die Menschheit mehr Lebensjahre durch Übergewicht als durch Unterernährung. Zu keiner Zeit wurden so viele Regierungen von ihren Bürgern zumindest halbwegs demokratisch gewählt.

Der drohende Klimawandel dominiert die öffentliche Diskussion. Wahrscheinlich wird die Erwärmung der Erdatmosphäre nachhaltige Folgen für Natur und Mensch haben. Es fragt sich nur, welche. Real und eigentlich für jedermann erkennbar hat sich die Qualität der Luft verbessert. Der deutsche Wald erfreut sich bester Gesundheit, in vielen Flüssen und Seen kann man wieder baden. Doch unser Gehirn gibt negativen Signalen den Vorrang. Der US-amerikanische Ernährungspsychologe Paul Rozin macht das an einem Beispiel klar: Eine einzige Küchenschabe ruiniert die Anziehungskraft einer Schüssel Kirschen völlig, während eine Kirsche in einer Schüssel voller Schaben keinen Effekt hat.

Manchmal lassen Erfolge gegen einen Missstand das Problem sogar noch größer erscheinen. So hat sich die Zahl der Krippenplätze in Deutschland seit den neunziger Jahren verzehnfacht. Mehr Berichte gibt es aber darüber, dass die Politik ihr Versprechen, für jedes Kind einen Krippenplatz zur Verfügung zu stellen, eventuell nicht pünktlich halten kann.

Wer nichts hat, der hat auch nichts zu verlieren. Bevor es Handys gab, hat keiner sie vermisst. Heute können wir uns eine Welt ohne Handys nicht mehr vorstellen. Dahinter steckt der „Besitztumseffekt“ (endowment effect), für dessen Beschreibung Daniel Kahnemann 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam. Danach wiegt der Schmerz über einen Verlust immer stärker als die Freude über einen vergleichbaren Gewinn. Je mehr jemand besitzt, desto größer ist die Verlustangst. Je besser die Lebensverhältnisse in einem Land sind, desto größer ist die Angst der Bürger vor Einbußen. Deswegen ist die Stimmung in Deutschland auch so schlecht.

 

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