John Maynard Keynes (1883-1946) ist gewiss einer der bekanntesten und wichtigsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts. Der nach ihm benannte „Keynesianismus“ ist heute noch ein häufig angewandtes Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Sanierung der Staatsfinanzen. Allerdings funktioniert es nicht immer. Ebenso wie das in Opposition dazu befindliche Programm des Monetarismus (Eingriffe in die Wirtschaft durch Regulierung der Geldmenge) nach Ludwig-August von Hayek. Seine Ratschläge haben Margaret Thatcher und Ronald Reagan geleitet. Das Ergebnis waren nicht zuletzt Schulden. Dagegen war der „Keynesianer“ Bill Clinton wirtschaftlich erfolgreich. Jedenfalls können wir John Maynard Keynes betrachten als einen der beiden tatsächlich großen Ökonomen des zwanzigsten Jahrhunderts. Und der Meinungskampf zwischen den beiden Lagern geht weiter (Nikolaus Piper SZ 7.5.13).
Dabei hat es m.E. im ökonomischen Diskurs bisher keine Rolle gespielt, dass Keynes schwul war, was übrigens alle wissen, die sich einigermaßen um Informationen bemühen. Es blieb dem Harvard-Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson vorbehalten, dies in eine angeblich wissenschaftliche Diskussion einzuführen. Ferguson sprach davon, dass Keynes gar kein Interesse an der Zukunft hätte haben können, weil er schwul gewesen sei und keine eigenen Kinder gehabt habe. Keynes sei ein verweichlichtes Mitglied der Gesellschaft gewesen, das mit seiner Frau über Poesie diskutiert habe, statt sich um die Erzeugung von Nachwuchs zu kümmern. Einmal abgesehen davon, wie substantiell Diskurse über Poesie, diese sehr hohe Form der Literatur, sein können. Das steht natürlich nicht allen Banausen zur Verfügung.
Dass ein Harvard-Professor solch eine skandalöse Meinung äußert, zeigt uns, wie borniert dortige Hochschullehrer sein können. Außerdem ist es ein schwerwiegender Hinweis darauf, wie ideologisch Schwule und Kinderlose immer noch in bestimmten Kreisen betrachtet werden. Aus dieser Richtung ist kaum etwas Positives zu erwarten. Weder wissenschaftlich noch auf irgendeinem anderen Gebiet von Relevanz. Natürlich hat sich Ferguson inzwischen entschuldigt und bekannt, dass seine Äußerung „ebenso dumm wie taktlos“ gewesen sei.
Tatsächlich war Keynes sehr wohl an nachhaltigem Wirtschaften interessiert. Ferguson benennt nur ein Vorurteil. Es ist ganz falsch. Die zahlreichen Keynes-Gegner beziehen sich gerne und zu Unrecht auf Keynes‘ Satz: „In the long run we are all dead.“ Er steht im „Traktat über Währungsreform“ von 1923. Vollständig zitiert lautet sie: „Aber die lange Frist ist ein schlechter Führer in Bezug auf die laufenden Dinge. Auf lange Sicht sind wir alle tot. Die Ökonomen machen es sich zu leicht und machen ihre Aufgabe zu wertlos, wenn sie in stürmischen Zeiten uns nur sagen können, dass, nachdem der Sturm lange vorüber ist, der Ozean wieder ruhig sein wird.“
Keynes wurde 1920 mit seiner ökonomischen Kritik des Versailler Friedensvertrags berühmt („Die ökonomischen Folgen des Friedensvertrages“). Darin zeigt er, dass die ökonomische Bestrafung Deutschlands durch die Sieger dem politischen Extremismus Tür und Tor öffnet. Eine beinahe prophetische These. 1930 schrieb Keynes einen Essay über die „wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkel“, in dem er untersucht, wie künftige Generationen die Plage ökonomischer Knappheit überwinden können. In seiner Theorie spielen Erwartungen der Investoren für die Zukunft eine zentrale Rolle. In seiner allgemeinen Theorie heißt es: „Die Rolle des Geldes besteht im Wesentlichen darin, dass es eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft herstellt.“
Richtig ist, dass Keynes‘ Theorie von Politikern gerne dazu benutzt wird, ständiges Schuldenmachen zu rechtfertigen („Deficit Spending“). Darin liegt die Gefahr dieser Theorie. Einen moralisch so erbärmlichen Kritiker Keynes‘ wie Niall Ferguson verachte ich nur.
John Maynard Keynes gehörte zum avantgardistischen Bloomsbury-Kreis um die Schriftstellerin Virginia Woolf, dessen Mitglieder sich bewusst gegen gesellschaftliche Konventionen stellten. Die große Liebe in Keynes‘ Leben war der Maler Duncan Grant. Keynes verliebte sich 1921 in die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova und heiratete sie 1925. 1927 wurde sie schwanger, verlor das Kind aber.
Ferguson bleibt für mich der Spießer, von dem nichts Gutes zu erwarten ist.