390: Salman Rushdie: Kulturrelativismus ist gefährlich.

Für seinen Roman „Die satanischen Verse“ wurde 1989 über Salman Rushdie vom iranischen Staatspräsidenten Ayatollah Khomeini die Fatwa verhängt. Damit war er zum Tode verurteilt. Er musste über ein Jahrzehnt lang unter Polizeischutz leben. Als Decknamen für sein Leben im Verborgenen wählte Rushdie „Joseph Anton“ nach den Vornamen seiner Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow. Rushdies jüngstes Buch heißt ebenfalls „Joseph Anton“.

Nun hat Rushdie bei der Verleihung des „Reemtsma Liberty Award 2013“ an die ARD-Journalistin Bettina Rühl in Berlin die Eröffnungsrede gehalten. Lothar Müller hat ihn für die SZ interviewt (23./24.3.13).

SZ: Für einen Westeuropäer bestand bis 1989 der Ost-West-Gegensatz vor allem in der Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion. Wenn jetzt von der Ost-West-Spannung die Rede ist, geht es meist um das Gegenüber der Kulturen, der Zivilisationen.

Rushdie: Einer der Punkte, in denen Karl Marx irrte, war der Primat der Ökonomie. Die Lektion der letzten dreißig Jahre ist, dass die Leute für ihre kulturellen Interessen aktiv werden oder für das, was sie für ihre Kultur halten, selbst wenn es ihren ökonomischen Interessen zuwiderläuft. Und das ist für die Auffassungen von der Freiheit von großer Bedeutung. Wenn Sie zur herrschenden Klasse in China gehören, unterscheiden sich ihre Auffassungen darüber, wie viel Freiheit den Leuten erlaubt sein soll, erheblich von den westlichen Vorstellungen. Und Sie werden darum bemüht sein, ihre Auffassung als „natürlich“ im chinesischen Kontext erscheinen zu lassen. So wie manche Leute in der islamischen Kultur vom westlichen Konzept der Freiheit behaupten, es sei ihrer Kultur nicht angemessen. Ich halte das für Bullshit. Den jungen Leuten, die auf dem Tahrir Platz demonstrierten, ging es nicht um irgendeine islamische, besondere Art von Freiheit. Sondern um das, was überall auf der Welt unter Freiheit verstanden wird. Es ging ihnen um eine offene Gesellschaft. Sie haben das nicht bekommen, sondern stattdessen eine islamische Regierung. Meine Ansichten hierüber gehen auf ein sehr altes Argument zurück:

es gibt so etwas wie universelle Werte.

Derzeit wird oft behauptet, alles sei relativ, von der jeweiligen Kultur abhängig. Diesen Kulturrelativismus halte ich für gefährlich, er wird gern von Diktatoren und autoritären Regimes benutzt.

SZ: Die Republik der Literatur, von der sie sprechen, ist eine säkulare Republik. Aber zu den Lehren der letzten Jahrzehnte gehört auch, dass Modernisierung nicht zwangsläufig mit Säkularisierung verbunden ist.

Rushdie: Da ist die Lage derzeit sehr komplex. In Teilen der Welt hat die Auflösung korrupter säkularer Regimes den Weg frei gemacht für ihre Ersetzung durch religiöse Regimes. Das Regime des Schah im Iran war ein säkulares Regime, das bei der Bevölkerung verhasst war, danach kam Khomeini an die Macht, ähnlich war es in Algerien, der Aufstieg der „Islamischen Heilsfront“ FIS war eine Folge der Unzufriedenheit mit der säkularen Regierung. Säkularismus ist kein automatisch wirkendes Heilmittel gegen alle Übel, korrupte säkulare Leute sind genau so gefährlich wie korrupte religiöse Leute. Und im übrigen – ganz so säkular ist meine literarische Republik dann doch nicht. Es gehören ihr viele Autoren an und sind meine Freunde, die sich selbst in religiösen Begriffen beschreiben würden. Und auch für mich selbst gilt, ganz unabhängig davon, ob ich ein gläubiger Mensch bin oder nicht: als Schriftsteller muss ich mit Empathie über Leute schreiben können, die an Gott glauben. Sonst würde ich sehr enge Bücher schreiben. Auch in den „Satanischen Versen“ gibt es Gläubige, die mit großer Sympathie porträtiert werden.

SZ: Welche Rolle spielen für Sie die großen Städte?

Rushdie: Ich bin ein Schriftsteller der großen Stadt, nicht des Landes. In meinem Leben waren das vor allem drei: Bombay, London und jetzt New York. Diese Städte haben mich mehr geformt als alles andere.

SZ: Was sind die Unterschiede?

Rushdie: Natürlich gibt es Unterschiede, aber interessant ist, wie viele Ähnlichkeiten es gibt. Wenn man einmal gelernt hat, in einer großen Stadt zu leben, kann man in jeder leben. New York wie London sind Einwandererstädte, zu den Unterschieden gehört, dass es in London noch eine starke dominante Kultur gibt, die britische, und die Minderheitskulturen. Das ist in Amerika anders. New York und Los Angeles sind von Minoritäten geschaffen worden, da gibt es keine starke dominante Kultur.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.