Der große amerikanische Schriftsteller Philip Roth wird 80 Jahre alt. Unter 292 (Literatur) habe ich am 12.11.2012 hier schon über den Schöpfer von u.a. Alexander Portnoy, Nathan Zuckerman, Mickey Sabbath und Coleman Silk geschrieben. Christopher Schmidt schreibt über Roth in der SZ (19.3.2012) eine Eloge. Er hat sich davor schon mehrmals als Enthusiast bewährt.
„Es gibt Schriftsteller, die im Alter nachgiebiger werden, vor allem gegenüber sich selbst, und entsprechend geschwätzig. Und es gibt solche, die immer lakonischer werden, unerbittlich und schroff bis zur Beleidigung. Philip Roth gehört definitiv zur zweiten, der stacheligen Kategorie. Kaum ein anderer großer Autor ist so offensiv gealtert wie dieser überragende Protagonist der amerikanischen Gegenwartsliteratur – und zwar als Künstler ebenso wie als Mann.“
Roth erschrieb sich mit seiner Trilogie „Amerikanisches Idyll“, „Mein Mann, der Kommunist“ und „Der menschliche Makel“ den Rang eines Historikers der amerikanischen Gefühlswelten. Begonnen hatte er eher bei sich selbst, als er schrieb: „Mein Schwanz war eigentlich das einzige, was wirklich mir gehörte.“ Natürlich verstörte er die prüde US-Gesellschaft. Das Jüdische, das Amerikanische und das Großstädtische dominierten. Windräder in der Lüneburger Heide kamen bei ihm nicht vor. Wohl aber eine große Portion jüdischen Selbsthasses, den wir bei Theodor Lessing kennengelernt haben.
1981 sagte Roth zu Alain Finkielkraut: „Meine Autobiografie bestünde fast gänzlich aus Kapiteln darüber, wie ich allein in einem Zimmer sitze und vor mir auf eine Schreibmaschine starre.“ In „Der menschliche Makel“ formulierte Philip Roth seine Verachtung der Gesellschaft, die er sieht als „die Tyrannei des Wir, das alles daransetzt, einen einzusaugen, dieses zwingende, einvernehmende, historische, unvermeidliche, moralische Wir mit seinem hinterhältigen E pluribus unum“.
Schriftsteller konnte Roth, wenn er wollte, auch sehr böse sehen. Etwa in einem Leserbrief von Amy Bellette an die „New York Times“, in dem es um das Verhältnis von Schriftstellern und Feuilleton-Journalisten geht und den Nathan Zuckerman liest: „Der Schriftsteller arbeitet jahrelang allein, gibt sich ganz und gar dem Schreiben hin, denkt über jeden Satz zweiundsechzigmal nach und hat doch keinerlei übergeordnetes literarisches Bewusstsein, Verständnis oder Ziel. Alles, was der Schriftsteller akribisch aufbaut, Satz für Satz und Detail für Detail, ist nichts als Täuschung und Lüge. Der Schriftsteller hat keinerlei literarisches Motiv. Sein Interesse, die Wirklichkeit abzubilden, geht gegen null. Seine Motive sind immer persönlicher und grundsätzlich niedriger Natur.“ (P. R.: Exit Ghost. Rowohlt, Hamburg 2009, S. 198)