325: Drittmittel (als Fetisch) steuern die Wissenschaft – aber nicht immer in die richtige Richtung.

Der Soziologe Stefan Kühl untersucht die Drittmittel an Hochschulen (SZ 4.1.13). Ihre Beschaffung ist für Kühl an Universitäten heute bereits zum Fetisch geworden. Bei den in der Wissenschaft Publizierenden unterscheidet er

1. den Einzelforscher, der sich in sein Studierzimmer zurückzieht,

2. den begnadeten Lehrer, der gemeinsam mit seinen Schülern veröffentlicht,

3. den Gutachter, dessen Texte Nebenprodukte von Beratungsprojekten sind, und

4. den Drittmittelforscher.

Nun liegt es auf der Hand, dass Forschung viel Geld benötigt. Wegen einer Laborausstattung, einer Forschungsreise oder der Verteilung und Auswertung von Fragebögen etc. Es ist also erforderlich, dafür Geld zu organisieren. Wie aber schon einer der Begründer der Soziologie in Deutschland nach 1945, René König, feststellte, ist manchmal die „einzige handgreifliche Motivation“ für Forschung „das zufällige Vorhandensein von Geld“. Und das kann in die Irre führen. Diese Zweck-Mittel-Verdrehung hat sich in den letzten Jahren verschärft. Da wird schon die Einwerbung von Drittmitteln als Ausdruck von Forschung, als Qualitätsbeweis gewertet, ehe überhaupt Ergebnisse vorliegen.

Nach Kühl kommt es deswegen häufig auf die Antragstellung an. Sie soll „smart“ formuliert sein, spezifisch im Ziele, messbar, ausführbar, „realistisch“ und terminierbar. Dafür gibt es Spezialisten an allen Universitäten, die Antragsteller. Die Antragstellung ist manchmal ihre einzige Tätigkeit. Kühl: „Das Problem ist jedoch, dass es in der Wissenschaft kaum Ziele gibt, die solchen Ansprüchen an Messbarkeit und Terminierbarkeit genügen. Zwar gibt es in den einzelnen Disziplinen sehr genaue Sensoren dafür, welche Wissenschaftler über ein hohes Maß an Reputation verfügen, aber diese Reputation lässt sich – allen Versuchen zur Vermessung der Wissenschaft zum Trotz – nicht in quantifizierbare Kriterien übersetzen. Ebenso kursieren in den einzelnen Disziplinen genaue Vorstellungen darüber, an welchen Instituten diese besonders gut studiert werden können, aber auch dies lässt sich nicht so quantitativ operationalisieren, das sie sich für Mittelzuweisungen eignen.“

Messbar sind hingegen die Zahl der eingeschriebenen Studierenden, die Zahl der erfolgreichen B.A.- und M.A.-Abschlüsse, die abgelegten Promotionen und die eingeworbenen Drittmittel. Dabei führt das Kriterium der abgelegten Promotionen häufig zu „Titel-Mühlen“ mit der Versuchung zu Plagiaten. Die Zahl der Studenten korreliert häufig negativ mit der Qualität der Lehre, und die Kennziffer „abschließende Studierende“ kann zum Verschenken von Abschlüssen beitragen, „weil man auch noch den Dümmsten durchbringen will“.

„Selbstverständlich wird bei Berufungen nicht naiv danach gefragt, wer wie viele Drittmittel eingeworben hat, um dann ein Ranking der Professoren zu erstellen, aber es wird doch zum Ausdruck gebracht, man wisse zwar um den Irrsinn des Drittmittelfetischs, könne sich aber .. aufgrund der leistungsorientierten Mittelzuweisungen an die Universitäten dem Geschäft der Einwerbung zusätzlicher Mittel nicht entziehen.“

Kühl zeigt also viele Gründe auf, warum die eingeworbenen Drittmittel Forschung und Lehre in die falsche Richtung führen. Und eines hat er noch nicht einmal genügend berücksichtigt. Dass nämlich Drittmittelforschung abhängig machen kann vom Auftraggeber. Werden nicht viele Projekte so zugeschnitten, dass sich Anschlussforschung „ergibt“? Und werden nicht viele Ergebnisse so formuliert, dass es für den Auftraggeber günstig klingt?

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