Anlässlich 200 Jahren Grimms Märchen interviewt Werner Bloch in der SZ (20.12.12) den Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft in Kassel, Bernhard Lauer.
SZ: Wie wurden denn die Märchen im Dritten Reich behandelt?
Lauer: Die Nationalsozialisten haben natürlich auch die Kinder- und Hausmärchen für ihre Zwecke instrumentalisiert. Es gab Tendenzen in der Grimm-Forschung Richtung Blut und Boden, manche versuchten, antisemitische Elemente in den Grimmschen Märchen herauszufiltern, die es durchaus gibt, aber das ist ja nun Volkspoesie, die von den Brüdern Grimm gesammelt worden ist, und das kann man nicht eins zu eins in die Nazizeit versetzen. Sicherlich haben viele Exponenten der romantischen Bewegung in Deutschland auch einige judenkritische Äußerungen getan, da stellen auch die Brüder Grimm keine Ausnahme dar, aber das ist etwas völlig anderes als der Antisemitismus im 20. Jahrhundert. Es gibt zum Beispiel ein furchtbares Machwerk, da liegt Dornröschen schlafend, ist natürlich total blond und germanisch, und dann steht da der Prinz und erweckt sie mit dem Hitlergruß.
SZ: Inwieweit haben die Grimms zur Entstehung des deutschen Nationalstaates beigetragen?
Lauer: Den Brüdern Grimm war natürlich klar, dass die Märchen internationale Erzählstoffe darstellen und dass es neben den deutschen eine ganze Reihe von westlichen und östlichen Quellen gibt. Deswegen haben sie die Märchen auch nicht „Deutsche Märchen“ genannt, sondern Kinder- und Hausmärchen, ohne das Beiwort deutsch. Gleichwohl hat das Zusammentragen von allem, was man unter Volksdichtung versteht, sicher dazu beigetragen, dass die Deutschen sich langsam dessen bewusst wurden, dass sie eine Sprache sprechen und in einer gemeinsamen kulturellen Tradition stehen, obwohl das Deutsche Reich damals durch eine Vielzahl von Königreichen und Fürstentümern geteilt war.
SZ: Wo standen die Brüder Grimm politisch? Waren es konservative Revolutionäre, wie manche meinen?
Lauer: Es gibt in diesem Jahr neben dem Märchenband noch ein weiteres großes Jubiläum: die „Göttinger Sieben“ (1837) sind in diesem Jahr 175 Jahre alt, und das ist natürlich auch im Hinblick auf die Grimms ein herausragendes Ereignis, weil diese hier als aufrechte Männer gegen die Fürstenwillkür aufgetreten sind. Das haben sie mit dem Verlust ihrer Arbeit in Göttingen bezahlt, sie sind von Ernst August von Cumberland, König von Hannover, sofort rausgeschmissen worden und mussten binnen drei Tagen das Land verlassen. Das hat dazu geführt, dass die Brüder Grimm mit ihren Werken in den politischen Diskurs gekommen sind. 1846/47 war Jacob Grimm Vorsitzender der ersten Germanistenversammlung. Die Germanistenversammlungen sind dann überführt worden in die erste deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, und dort hat auch Jacob Grimm einen Sitz gehabt, und zwar den ehrenvollsten von allen in der Mitte des Rednerganges und keinem der politischen Lager zugehörig. Und dort hat er einen sehr schönen Satz gesagt zu den Grundrechten des deutschen Volkes: „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde, Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“
SZ: Das weckt allerdings aus heutiger Sicht eher grausige Assoziationen.
Lauer: Für die Zeit war das ganz fortschrittlich gedacht, und ich bin der Meinung, dass, wenn wir die Geschichte der Deutschen nach 1945 betrachten, auch dieses Grimmsche Gedankengut eine Rolle spielt: dass man ein Volk definiert auf Grund seiner gemeinsamen Sprache, seiner gemeinsamen Kulturtradition. Das ist wichtig für die Geschichte zwischen Deutschland-West und Deutschland-Ost bis hin zur Wiedervereinigung. Denn das von den Grimms begonnene große deutsche Wörterbuch ist ja von ihren Nachfolgern in intensiver Zusammenarbeit zwischen Göttingen und Ostberlin fortgesetzt worden bis in die Zeit der deutschen Teilung. Die Grimms sind für die Geschichte der Deutschen sehr wichtig.