2017 soll die Reformation gefeiert werden, die mit Martin Luthers (1483-1546) Anschlag seiner 95 Thesen zum Ablass an die Wittenberger Kirche ihren Anfang nahm. Das Jubiläum geht nicht nur Protestanten etwas an, sondern uns alle, weil es nicht nur um Glauben, Theologie und Kirche geht, sondern auch um die Begründung der Moderne, den Individualismus, die Menschenrechte, die Bildung, die Gewissensfreiheit und die Freiheit überhaupt. Also im Kern um die demokratische Grundsubstanz.
Das werden nicht alle gleichermaßen gerne hören.
Noch nicht einmal alle Protestanten. Denn bei ihnen herrschen „Entmythologisierung“, „Historisierung“, Selbstzweifel und mangelndes Selbstbewusstsein vor. Es fehlt an Glaubensüberzeugung und missionarischem Drang. Viele Protestanten empfinden ihre Kirche als bedeutungsarm und profillos.
Aber das halten andere schon wieder für in der Moderne angebrachte Tugenden. Und ein beinahe pazifistisches Grundmuster. Sehr beliebt im Protestantismus.
Der Protestantismus, der in Deutschland immer noch stark lutherisch geprägt ist, hat eine „Kirche des Wortes“ errichtet, in der das Wort, das Wissen, die Bildung, das freie Denken und die persönliche Verantwortung hoch im Kurs stehen. Das ist doch sehr überzeugend und kann kein Grund sein zu verzagen. Und er hat im 20. Jahrhundert große Wissenschaftler hervorgebracht wie beispielsweise Adolf von Harnack (1851-1930), Rudolf Bultmann (1884-1976), Karl Barth (1886-1968) und Wolfgang Trillhaas (1903-1995). Als Nicht-Theologe kann ich das vielleicht gar nicht genau genug wissen. Aber ich spüre die Attraktivität dieses Denkens sehr deutlich. Die persönliche Glaubensentscheidung ist dann eine andere, eben ganz persönliche Sache, in die ich mich nicht einmische. Klar ist doch, dass es dabei aus christlicher Sicht hauptsächlich auf göttliche Gnade ankommt.
Anlässlich des Reformationstags am 31. Oktober, der gar nicht in allen Bundesländern gefeiert wird, und der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geht nun das Dekonstruieren ehemals sicher geglaubter Überzeugungen munter weiter. Wir befinden uns ja in der Mitte der Reformationsdekade, die der Vorbereitung auf das Jubiläum 2017 dient. Die Kulturbeauftragte der EKD, Petra Bahr, mischt kräftig mit („Außenansicht“ des SZ vom 31.10./1.11.).
Für Bahr müssen Mythen entlarvt werden. Luther habe niemals 95 Thesen angeschlagen. „Dieser Heros oder Holzklotz der Kirchengeschichte wollte keine neue Kirche gründen.“ Er habe noch mit beiden Beinen im Mittelalter gestanden mit seiner Suche nach dem gnädigen Gott, seiner Türkenangst und seiner Furcht vor dem nahen Ende der Welt. Und keineswegs schon mit einem Bein in der Moderne mit seiner Gewissenslehre und seiner Überzeugung, dass es allein der Glaube sei, der uns zu Christen mache, kein Dogma, keine Kirche etc. Für Bahr war Luther kein großer Neuerer und nicht der Begründer der Gnadenlehre. Und nicht einmal Luthers Fundierung der deutschen Sprache durch seine Bibelübersetzung lässt Bahr wirklich gelten.
Und natürlich verweist Petra Bahr zu Recht auf Luthers Judenhass. Auch nach dem Augsburger Religionsfrieden (1555) habe das Ketzerrecht weiter gegolten. Petra Bahr fehlt im Protestantismus die „anspruchsvolle Sakramentstheologie“ der Katholiken. Luther sei persönlich schwierig gewesen und keineswegs nur der Gottesfreigeist, der Papst und Kaiser die Stirn geboten habe. Martin Luther sei schon zu seiner Zeit umstritten gewesen. Darauf wäre ja nun kein anderer gekommen! Vor allem geht es Frau Bahr darum, keine „geistige Überlegenheit“ des Protestantismus zu reklamieren, von der sie anscheinend nur die in der „protestantischen Leitkultur Preußens“ zu kennen scheint. Wir aber kennen doch auch Heinrich Manns „Untertan“ und Wolfgang Staudtes Film dazu. Und wer hat eigentlich behauptet, dass Luther alle die genannten Fortschritte allein erreicht habe?
Und dann schreibt Petra Bahr etwas, das tatsächlich hauptsächlich bedacht werden sollte: „Jedes historische Narrativ folgt gegenwärtigen Bedürfnissen. Das gilt auch für die Geschichte der Reformation.“ Das stimmt. Und das gibt uns gerade die Gelegenheit, uns selbst ein Bild davon zu machen, welchen Beitrag der Protestantismus heute zu unserer Gesellschaft leistet. Der besteht, übrigens natürlich auch bei Petra Bahr, in der Anerkennung der „theologischen Aufräumaktion“ Luthers, der Betonung der Schrift, der Bildung und der persönlichen Urteilsfähigkeit und Verantwortung des Einzelnen, der Erlösung allein aus Gnade und der Nicht-Käuflichkeit des Seelenheils. Anpassung ist nicht die erste Christen- und Bürgerpflicht.
Aber es gibt die „Unkenntnis Gottes in zweiter und dritter Generation“, von der der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, treffend spricht (Matthias Drobinski SZ 5. und 6.11.12). Die Tatsache, dass viele Kinder in Deutschland die Geschichten der Bibel und insbesondere des Neuen Testaments gar nicht mehr kennen. Diese sind nun einmal das Fundament einer Moral in jeder Demokratie. Ohne sie gibt es keine „Kirche der Freiheit“. Selbst die Atheisten unter uns können sich darauf berufen. Einmal abgesehen davon, dass es bei Atheisten häufig eine unglaubliche Ahungslosigkeit gibt im Hinblick auf christliche Werte. Das war zum Beispiel bei denen zu erkennen, denen wir schließlich das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu „verdanken“ haben.
Von einem „protestantischen Triumphalismus“ sehe ich weit und breit nichts. Es ist doch klar, dass die Jesuitenmission einen maßgeblichen Anteil an der Formierung des deutschen Schulwesens hatte. Und der Kapitalismus, von dem Max Weber spricht, geht natürlich nicht nur auf den Protestantismus zurück. Wenn Lucian Hölscher meint (SZ 5.11.12), dass das Problem darin bestehe, die Moderne auf ihre protestantischen Wurzeln zu reduzieren, so geben wir ihm gerne Recht, ohne wirklich an diese Gefahr zu glauben. Überhaupt geht es in einer Zeit, in der auch der Islam zu Deutschland gehört, nicht so sehr um Vorherrschaft, sondern um Pluralität und die Schärfung des je eigenen Profils. Und in einem Staat wie Deutschland, wo die weithin katholisch geprägten Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg regelmäßig die Schulbildungs-Ranglisten anführen, kann ja von einer protestantischen Dominanz in der Bildung keine Rede mehr sein.
Die Protestanten, Katholiken und Atheisten, denen ich täglich begegne, unterscheiden sich in ihrem Lebensvollzug kaum voneinander. Auch wenn sich die offiziellen Lehren beispielsweise im Hinblick auf die Sexualethik stark unterscheiden. Selbstverständlich sind katholische Theologen wie Karl Rahner (1904-1984) und Hans Küng (geb. 1928) auch außerhalb der katholischen Kirche anerkannt. Letzterer hat allerdings seit 1979 ein Lehrverbot. Und darin kommt meines Erachtens ein Problem der Hierarchie in der katholischen Kirche zum Ausdruck, wo die Glaubenskongregation noch zwischen Gott und mir steht. Überhaupt ist das Regiment der alten weißen Männer nicht mehr angemessen. Ich weiß doch, wovon ich spreche.
Es kann uns ebenso nicht stören, dass Margot Käßmann die Luther-Botschafterin für 2017 ist, auch wenn Reinhart Mohr hier im Blog (28.6.2011) unter „Innenpolitik“ ihre Schriften scharf kritisiert hat. Einmal abgesehen davon, dass Margot Käßmann nicht zuletzt unter der Frauenfeindlichkeit auch vieler Christen zu leiden hat. Es gibt den „einfühlenden Wellness-Protestantismus“. Aber es gibt auch noch einen anderen viel wichtigeren. Er ist begründet worden von Martin Luthers „religiösem Befreiungsschlag“. Dieser hat indirekt 1776 auch zur Erklärung der Menschenrechte in den USA geführt, wo die Demokratie unter anderem immer ein protestantisches Projekt war. Deswegen können selbst Atheisten 2017 die Reformation feiern. Auf jeden Fall sollten sie genau zuschauen, wie es die Protestanten selber tun.
(Bitte entschuldigen Sie die Länge meiner Ausführungen. Kürzer habe ich es nicht geschafft.)
Also grade Baden Württemberg als „katholisch geprägt“ zu bezeichnen widerstrebt mir: s.: http://de.wikipedia.org/wiki/Religionen_in_Deutschland#Verteilung_der_beiden_Hauptkonfessionen_auf_die_Bundesl.C3.A4nder
Da wären eher Nordrhein-Westfalen, Saarland und Rheinland-Pfalz drunter fassen.
Gruß, Brigitte