278: Peter Handke hat M. R.-R. nicht verziehen.

Peter Handke wird im Dezember 70. 2012 erscheint sein 35-jähriger Briefwechsel mit Siegfried Unseld, dem mächtigen Suhrkamp-Verleger, als Buch. Für das SZ-Magazin haben Malte Herwig und Sven Michaelsen den Dichter interviewt (19.10.12), der seit 22 Jahren bei Paris wohnt.

SZ: 1981 kam es zum ersten großen Krach mit Unseld, weil sie ihm vorwarfen, mit Marcel Reich-Ranicki zu fraternisieren. Als Sie bei Ihrem Verleger einen Band mit Aufsätzen des Kritikers entdeckten, schrieben Sie: „Die Zeit der Lügen muss ein Ende haben. Schon an jenem Tag, als ich am Frühstückstisch in Frankfurt in dem Sammelwerk des übelsten Monstrums, das die deutsche Literaturgeschichte je durchkrochen hat, die Widmung an Dich, meinen Verleger, gelesen habe: ‚In alter Verbundenheit‘, da hätte ich die Pflicht vor mir und dem, was mir noch vorschwebt, gehabt, für immer meine Arbeiten aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen. Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich.“

Handke: Das war ein völlig sinnloser Amoklauf, aber er hat mich, so blöde dialektisch das klingt, auch befreit. Was Reich-Ranicki zu „Langsame Heimkehr“ geschrieben hat, war nackter Vernichtungswille. Er wollte mich weghaben. Und am nächsten Tag hat Siegfried Unseld ihn empfangen, ihn bewirtet. Ich fühlte mich verraten und musste einen Auslauf suchen aus mir. Da habe ich eben losgelegt. Ich bedaure das nicht.

SZ: 1994 sagten Sie: „Nie werde ich Reich-Ranicki auch nur das Kleinste verzeihen können.“ Sind Sie heute milder gestimmt?

Handke: Wollen wir den jetzt seinen Lebensabend ruhig verbringen lassen? 15 Jahre meines Lebens hat mich das wirklich beschäftigt. Auch Martin Walser war ja fast krank, besessen. Da bin ich noch ein harmloser Fall.

SZ: Reich-Ranicki hat in letzter Zeit versucht, sich mit einigen Autoren zu versöhnen.

Handke: Ich habe das gehört. Sogar mit Ulla Berkéwicz. Die hat mir erzählt, er kam eines Tages in ihr Vorzimmer angekeucht, mit letzter Kraft, unangemeldet. Und dann saßen die einander gegenüber. Der eine hat gekeucht, die andere wahrscheinlich milde gelächelt. Ich habe keine Lust, mir das vorzustellen. Es ist eine allgemeine Weltbewegung in dem armen alten Mann, was auch immer Versöhnen ist. Aber haben wir nicht andere Probleme? Er ist überhaupt kein Problem mehr für mich. Es ist nichts zu versöhnen. Es ist vorbei. Ich bin der, der dies gemacht hat, und er ist der, der das zusammengeschustert hat. Ich glaube, das ist unsterblich, wie ich es in der „Lehre der Sainte-Victoire“ geschrieben habe: Ein paar getrocknete Haufen liegen herum von dem Hund. Das wurde mir übelgenommen als Antisemitismus, aber da konnte ich auch nur staunen drüber. Er lebe in Frieden. Ich sage das ganz ernsthaft.

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