274: Rating-Agenturen handeln nicht im öffentlichen Interesse, sondern im eigenen.

Rudolf Hickel ist für seine offenen Worte bekannt. Wir kennen sie z.B. aus dem „Presseclub“. Der eher linke Ökonom spricht in der Regel klar Ross und Reiter an und die Interessen, die sie vertreten. Nun lobt er in einer Rezension Werner Rügemers neu erschienenes Buch über Rating-Agenturen.

Rügemer nimmt sich darin die „organisierte Geheimniskrämerei“ vor. Er gibt „Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart“ (SZ 16.10.12). Die drei großen Agenturen sind Standard & Poor’s (40 % des Gesamtumsatzes), Moody’s (40 %) und Fitch (15 %). Letztere gehört einem französischen Geschäftsmann, die anderen beiden US-amerikanischen Hedgefonds und Investmenbanken. Diese üben auch den entscheidenden Einfluss auf die Untersuchungen und Publikationen der Agenturen aus. Rügemer präsentiert dazu erstmals bisher weitgehend unbekannte Detailinformationen.

Henry Vanrum Poor, dessen Name die 1941 verschmolzene Rating-Agentur Standard & Poor’s trägt, hatte 1868 Anlegern Informationen über die zu erwartende Wirtschaftlichkeit von US-Eisenbahngesellschaften geliefert. Heute umfasst das massiv ausgeweitete Angebot Informationen zur Bonität von Krediten, Aktien, Anleihen, Finanzmarktprodukten und von Staaten. Oft ohne Auftrag und deswegen kaum zu überschauen. Der Widerspruch dieser Tätigkeiten liegt in der scheinbar öffentlichen Funktion einerseits und der strikten Profitorientierung der auftraggebenden Hedgefonds andererseits.

1. Es wird belegt, dass der von der neoliberalen Politik (Ronald Reagan, Margaret Thatcher) beförderte Aufschwung der Rating-Agenturen die Entfesselung der Finanzmärkte (ohne Haftung für Fehlurteile) ausgelöst hat.

2. 1995 erfolgte die Umstellung in der Bezahlung. Nicht die Kunden , sondern die Kreditgeber und die Produzenten von komplexen Finanzmarktinstrumenten zur Verschleierung der Risiken zahlen die Beratungsgebühr und versuchen, Einfluss auf die Notenvergabe zu nehmen.

3. Die Politik hat festgelegt, dass von den Agenturen vergebene Mindestnoten in entsprechenden Gesetzen und Verordnungen berücksichtigt werden müssen.

Für die großen drei Agenturen zeigt Rügemer, wie deren Eigentümer auch Miteigentümer der großen Banken und multinationalen Konzerne sind. So gehört Standard & Poor’s dem Großkonzern Mc Graw Hill. Dessen Eigentümer sind Hedgefonds wie „Capital World“. Diese Hedgefonds gehören wieder Investmentbanken und anderen Hedgefonds. Die Interessen der Bevölkerung tauchen hier nirgendwo auf. Die Eigentümerstruktur macht es möglich, zum Beispiel für höchst risikoanfällige Anlageprodukte beste Noten zu vergeben.

Rudolf Hickel nennt die Rating-Agenturen deswegen auch Brandbeschleuniger.

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