Yibo Fan ist seit sechs Jahren chinesischer Reiseblogger. Er hat in der Zeit 70 Länder besucht. Nun hat ihn (SZ 27.9.12) Peter Sich über Deutschland befragt.
SZ: Wie würden Sie die deutsche Persönlichkeit beschreiben?
Fan: Die Deutschen sind etwas speziell. Viele Menschen, die noch nie in Deutschland waren, glauben, die Deutschen seien ein bisschen zu fleißig und ernst. Und ein bisschen stimmt das auch. Deutschland ist kein Land wie Italien, wo man sehr schnell mit den Menschen vertraut wird. Bevor man einen Deutschen wirklich kennenlernt, muss man einige Zeit mit ihm verbringen, aber dann merkt man, dass die Deutschen auch durchaus nicht so ernst sein können. Sie können sehr interessant sein, aber es dauert halt. Ich mag die Deutschen, sie sind sehr diszipliniert, das macht sie zu guten Arbeitspartnern. Und sie sind sehr pünktlich, auch die Bahn, das macht das Reisen angenehm.
SZ: Tatsächlich? In Deutschland ist es recht verbreitet, über die Bahn zu schimpfen.
Fan: Nein, ich mag die deutschen Züge. Die Verbindungen sind sehr gut, und es ist sehr einfach, von dem einem Ort an den anderen zu kommen. Ein Problem ist allerdings, dass die Fahrkarten verglichen mit anderen Ländern sehr teuer sind.
SZ: Stellten Sie Unterschiede im Charakter verschiedener Regionen fest?
Fan: Ja, es gibt große Unterschiede zwischen Osten und Westen, aber auch zwischen Nord und Süd. Zum Beispiel habe ich die Menschen in Bayern immer als glücklicher empfunden. Man kommt dort auch schneller in Kontakt, da sind sie etwas südländischer. Dagegen erscheinen mir die Menschen im Osten – vor allem in kleineren Städten – immer etwas unglücklich, weniger energetisch. Irgendwann fiel mir dann auf, dass in diesen Gegenden kaum junge Menschen leben. Das erzeugt eine gewisse Tristesse. Aber trotzdem interessieren sich viele Chinesen für Ostdeutschland, weil es wie China ein sozialistisches Land war.
SZ: Welche Reiseziele empfehlen Sie Ihren Landsleuten sonst noch?
Fan: Auf jeden Fall Berlin, weil es die perfekte Mischung aus Kultur und Geschichte bietet, vor allem, wenn man Potsdam noch hinzuzählt. Eine spezielle Region ist auch das Ruhrgebiet. Ich halte sehr viel von dem Konzept, die alten Industriestätten in touristische Ziele zu verwandeln. Bei der Zeche Zollverein in Essen haben die Verantwortlichen das sehr gut gemacht, auch bei der Völklinger Hütte im Saarland. Beide gehören zum Unesco-Welterbe. Dafür interessiere ich mich besonders. Bislang habe ich knapp 40 Welterbestätten in Deutschland besucht. Abseits davon sind auch Bayern und der Schwarzwald sehr schön, wobei diese Regionen etwas speziell sind, was die Sprache und was das Essen betrifft.
SZ: Was halten Sie von der deutschen Küche?
Fan: Viele glauben, deutsches Essen sei ein bisschen langweilig, aber das stimmt nicht. Bei meinem jüngsten Besuch war ich auf der Weinstraße im Elsass unterwegs und war begeistert vom Essen, vor allem aber von den Weißweinen. In Hamburg gibt es dagegen sehr gutes Seafood. Und Berlin hat eine große Auswahl zeitgemäßer Restaurants. Ich versuche, weitgehend vegetarisch zu leben, da hat Berlin ein sehr breites Angebot. Überhaupt ist die Auswahl an frischen Früchten in Deutschland sehr gut. Andererseits: die Würste in Thüringen haben mich sehr beeindruckt. Und nicht zu vergessen: das Bier. Fast jede Stadt hat ihr eigenes Bier, und das ist fast immer sehr gut. Offen gesagt: Chinesen, die nach Deutschland kommen, denken meist nicht ans Essen, sehr wohl aber ans Bier.
SZ: Warum kommen Chinesen denn überhaupt gerne nach Deutschland?
Fan: Das hat zunächst oft praktische Gründe: Wegen der vielen Direktverbindungen starten viele ihre Europareise in Deutschland. Im Land selber gefällt ihnen die gut erhaltene Umwelt, die vielen Flüsse und Wälder. Dabei haben viele Chinesen etwas romantische Vorstellungen und erwarten überall Schlösser und Burgen. Sport ist auch ein wichtiger Faktor. Ein Verein wie Bayern München hat in China viele Fans, die dann hoffen, bei ihrem Besuch auch mal ins Stadion zu können. Deutsche Autos sind bei uns sehr beliebt. Die Chinesen wissen, dass es auf Autobahnen kein Tempolimit gibt. Deswegen wollen vor allem junge Chinesen hier selbst Auto fahren.