Am 15. Mai ist in Frankfurt/Main im Alter von achtundachtzig Jahren Arno Lustiger gestorben. Er war einer der wichtigsten und größten Erinnerer an den Holocaust. Geboren wurde Lustiger 1924 als Sohn jüdischer Eltern im polnischen (oberschlesischen) Bendzien. Er überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald und mehrere Todesmärsche 1945. Lustiger wurde noch Angehöriger der amerikanischen Armee. An diese Zeit des Kämpfens und Siegens hat Arno Lustiger sich stets erinnert.
Nach 1945 blieb Lustiger in Frankfurt/Main hängen. Er hatte sich vorgenommen, über den Holocaust zu schweigen. Vielleicht angesichts der Drohung eines KZ-Wächters, der ihm gesagt hatte: „Du wirst nicht überleben. Und falls Du es doch tust, wird Dir niemand glauben.“ Lustiger wurde Textilunternehmer und gründete eine Familie. Seinen Kindern erzählte er zunächst nichts über den Holocaust, weil er ihnen eine „normale Kindheit“ ermöglichen wollte. Das ließ sich auf die Dauer nicht durchhalten. Aber erst 1985 beteiligte sich Arno Lustiger zum ersten Mal an einem Schweigemarsch zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Den Rest seines Lebens widmete er dem Gedenken an den Holocaust, obwohl er ganz und gar kein gelernter Historiograph war. Seine direkte und menschliche Art verschafften ihm bald überall großes Ansehen.
Lustigers großes Thema wurde der Widerstand gegen den Holocaust. Er widmete sich nicht zuletzt denjenigen Personen, die Juden halfen und sie vor der Verfolgung schützten. Keiner von uns, welche die Kontroverse mitbekommen hatten, vergisst je Lustigers Streit mit dem ersten großen Holocaust-Forscher, Raul Hilberg, einem dem Geist der Wissenschaft verpflichteten kühlen Professor. Hilbergs hauptsächlich auf die Akten der Täter gestützte These war, dass viele Juden sich wie Schafe hätten zur Schlachtbank führen lassen. Dagegen betonte Arno Lustiger, dass Tausende versucht hätten, sich zu wehren. Er ließ sich im Streit dazu hinreißen, Hilberg „jüdischen Selbsthass“ vorzuwerfen. Es kam zu keinem Konsens. Lustiger ist es zu danken, dass der Widerstand gegen den Holocaust von Juden und Nicht-Juden seinen angemessenen Platz in der Geschichte fand. 2005 hat er in einer Rede im Bundestag die Deutschen daran erinnert, wie viele Helfer und Retter es in ihren Reihen gab.
Wir haben mit Arno Lustiger einen großen und sehr menschlichen Forscher und Dokumentaristen verloren.