Als Bildungsministerin ist Annette Schavan die oberste Repräsentantin der deutschen Wissenschaft. Nun steht sie unter Plagiatsverdacht. Roland Preuß (SZ 11.5.12) fragt sich, ob sie Ministerin bleiben kann, falls ihr der Doktortitel aberkannt wird. Darüber muss demnächst die Universität Düsseldorf entscheiden, an der Schavan 1980 promoviert wurde.
Im Gegensatz zum Fall Guttenberg geht es hier wohl um „Schnipselarbeit“. Und nicht um einen „Flickenteppich“ von Täuschungen und Vergehen. Preuß sieht ein eindeutiges Bild. Es gäbe mehrere Stellen, an denen nicht korrekt zitiert sei. „Als Wissenschaftler muss man dazu sagen: Das geht so nicht. Doch was folgt daraus? Was sagt eine von der 25-jährigen Annette Schavan geschriebene Doktorarbeit mehr als 30 jahre später über ihre Leistung im Kabinatt aus? Nichts.““Was aber bedeutet eine unsauber verfasste Doktorarbeit für die Autorität der Bundesbildungsministerin? Sehr viel. Deshalb wird Schavan kaum zu halten sein, sollte ihr tatsächlich der Titel aberkannt werden.“
Im Fall Schavan geht es anscheinend um einen „Grenzfall der wissenschaftlichen Redlichkeit“. Und Roland Preuß fragt sich zu Recht, ob Schavans Arbeit neue Erkenntnisse hervorgebracht habe. „Hat sie ein paar Sätze bloß dort übernommen, wo sie ohnehin gängige Theorien von Freud und Fromm referierte? Oder bediente sie sich auch bei ihren Thesen, beim Kern ihrer Dissertation fremder Gedanken?“
Falls die Universität Düsseldorf keine Entscheidung treffe, so Preuß, übernähmen diese Aufgabe andere renommierte und zwielichtige „Experten“. Diesen „Experten“ überlasse Schavan das Feld, wenn sie schweige wie bisher. „Angesichts der offensichtlichen Fehler in ihrer Arbeit sollte sie ihre ministeriale Routine unterbrechen und Reue zeigen. Dies wäre die richtige Geste an die Wissenschaft – und die richtige Konsequenz aus all den Plagiatsaffären.“
Eine weitere richtige Konsequenz wäre das Aufräumen und Aufhören mit all den Gefälligkeitspromotionen von Prominenten und Reichen, die es am häufigsten in den wirtschaftswissenschaftlichen und juristischen Fakultäten gibt. Sie beschädigen die Wissenschaft und desavouieren die Arbeiten von richtigen Wissenschaftlern. Deren Arbeit bleibt unverzichtbar für den Fortschritt der Wissenschaft und für die Konkurrenz der Volkswirtschaft in der globalisierten Welt.