In der SZ (5./6.5.12) fragen sich John Goetz, Hans Leyendecker, Nicolas Richter und Tanjev Schultz, warum über 10 Jahre die NSU-Morde nicht aufgeklärt wurden, obwohl in 9 Fällen stets die gleiche Pistole, eine Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter, benutzt wurde und die Ermordeten aus Hass ins Gesicht geschossen wurden. Die vier Journalisten sind bekannt und geachtet als hervorragende investigative Journalisten.
Sie stellen fest, dass zunächst der Begriff „Döner-Mörder“ völlig in die Irre geführt habe. So könne aus Unachtsamkeit ein zunächst klein erscheinender Fehler große Folgen haben. Dann stritten sich die Sonderkommissionen und das BKA untereinander. Sogleich schossen abenteuerliche Theorien aus dem Boden. „Waren Böhnhardt und Mundlos wirklich die Täter, oder waren es die Geheimdienste? Warum surfte ein hessischer Verfassungsschützer in einem Internetcafé, in dem nebenan ein Türke erschossen wurde? Was ist mit dem Polizisten in Jena, der in den neunziger Jahren den damals schon stark verdächtigen Böhnhardt vor einem Haftbefehl warnte und dann einfach laufen ließ? Haben Informanten des thüringischen Verfassungsschutzes ein doppeltes Spiel gespielt, war der Staat ein Komplize der Mörder?“
Häufig wurden zwei Fahrradfahrer in der Nähe des Tatorts gesehen. Trotzdem entwickelten sich leicht falsche Hypothesen über das Drogenmilieu und das Spielermilieu, aus dem die Täter stammen sollten. Sonderkommissionen führten irreführende Namen wie „Halbmond“ und „Bosporus“.
„Im Nachhinein ist man immer schlauer, und Journalisten haben bekanntlich immer nachher alles vorher gewusst. Viele Kriminalbeamte warnen jetzt vor den Besserwissern und erinnern daran, dass damals auch türkische Kollegen nicht auf das Motiv Fremdenhass gekommen seien. Seltsam ist allerdings, dass die deutschen Fahnder damals intensiver mit dem türkischen Geheimdienst diskutierten als mit dem deutschen.“
Wir dürfen nicht vergessen, dass 1998 bereits in einer Jenaer Garage Bomben und Hetzmaterial gefunden worden sind. Erst spät wurde eine Alternativ-Hypothese entwickelt von dem einen Täter mit psychopathischer Persönlichkeit, der einen Hass auf Türken entwickelt haben musste und der die Nähe zur rechten Szene suchte und sich wegen deren Schwäche zu einer selbständigen Mission berufen fühlte. „Die Kriminalbeamten sind zwar nicht auf dem rechten Auge blind, und sie blicken durchaus auch nach rechts. Aber es bleibt ein flüchtiger Blick, aus der Ferne. Und die Geheimdienste sind träge oder verschanzen sich, wie die Bayern, hinter Regularien.“
Weil die ermittelnden Beamten sich auch absichern, kann man später behaupten, es sei alles Menschenmögliche versucht worden. So geht die Geschichte von Pech, unglücklichen Umständen und Ignoranz weiter. Die Beamten haben sich bemüht und sind doch gescheitert. Für die Opfer ein tödliches Scheitern. Und für die Bundesrepublik ein beschämendes Versagen.
Und dann ist da noch die Tatsache vom Fehlen von Bekennerbriefen. „Die Zelle verzichtete auf jede Erklärung, Rechtfertigung, Propaganda, wie sie bei linken oder islamistischen Extremisten üblich ist. Dabei schweigen gerade rechtsradikale Banden nicht selten, nachdem sie gemordet haben. Ihnen reicht es, ihre Ideologie vollstreckt zu haben und sich heimlich über die Folgen zu freuen. Dass es jeden Türken überall treffen kann, das war die Botschaft der Mörder, und die Ceska, die Mordwaffe, war ihre Signatur.“
Heinz Fromm, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, hat erklärt: „Die Ermordung von Menschen aus dem einzigen Grund, weil sie als fremdländisch empfunden werden, passt in die Gedankenwelt der rassistischen Täter. das wussten wir. … Wir konnten uns das als Bombenanschlag vorstellen, aber nicht als eine kaltblütige Exekution. Dabei hätte man es durchaus besser wissen können: Schließlich kennen wir die historischen Vorbilder dieser Leute.“