Einigung über das „Kind von Buchenwald“

Am Kammergericht in Berlin ist es zu einer Einigung gekommen zwischen Stefan Jerzy Zweig, dem „Kind von Buchenwald“, und Volkhard Knigge, Professor für Geschichte und seit 1994 Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen KZ Buchenwald. Zweig hatte Knigge verklagt. Dieser hatte die Rettung von Stefan Jerzy Zweig, der als Dreijähriger ins Konzentrationslager eingeliefert worden war, durch seinen Vater und kommunistische Häftlinge in Buchenwald 1944 als „Opfertausch“ bezeichnet. Das dreijährige Kind Zweig war von der Transportliste nach Auschwitz gestrichen und so gerettet worden. Aber dafür wurde Willy Blum auf die Liste gesetzt, ein 16-jähriger „Zigeuner“. Er wurde in Auschwitz ermordet.

Stefan Jerzy Zweig, inzwischen 71 Jahre alt, hatte sich daran gestört, dass Knigge seine Rettung als „Opfertausch“ bezeichnet hatte. Er wollte das gerichtlich untersagen lassen. Knigge hielt daran fest. Er ließ bei der Entrümpelung der Gedenkstätte ein Schild „Kind von Buchenwald“ abhängen. Der Wissenschaftler wollte damit einen Beitrag zur Entmythologierung leisten. Entzaubert werden sollte die kommunistische Legende von der Rettung des „Kinds von Buchenwald“. Darüber hatte Bruno Apitz 1958 in der DDR seinen Roman „Nackt unter Wälfen“ publiziert. 1963 folgte der sehr bekannte Film Frank Beyers, einem unter Cineasten hochgeschätzten Filmregisseur, unter dem gleichen Titel. Ein Bestandteil der kommunistischen Propaganda.

Knigge ging es darum, in der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald die Erinnerungskultur der DDR durch eine zeitgemäße Ausstellung zu ersetzen. Das ist inzwischen geschehen. Nun wird dort nicht nur der von den Nazis Verfolgten gedacht, sondern auch der nach 1945 in einem stalinistischen Speziallager Eingesperrten. Selbst wissenschaftlich eine Gratwanderung. Sie ist Knigge gelungen. Er wollte sich von niemand instrumentalisieren lassen und hielt an der Entmythologisierung fest. Und er bekam in der ersten Instanz auch Recht. Allerdings wollte sich Stefan Jerzy Zweig, nachdem er von der kommunistischen Propaganda benutzt worden war, nicht schon wieder in anderer Leute Weltbild pressen lassen, also Knigges Weltbild, das durch den Begriff des „Opfertauschs“ geprägt war. Knigge beharrte auf seiner Verpflichtung als Wissenschaftler, die Legenden zu beenden.

Letztlich haben Zweig und Knigge einen Vergleich geschlossen. Volkhard Knigge wird den Begriff „Opfertausch“ nicht mehr verwenden.

Der Fall zeigt eindrücklich die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert mit den beiden weltanschaulich ganz verschiedenen Diktaturen. Aber diese Aufarbeitung muss wenigstens in der Wissenschaft funktionieren. Darum hat sich Volkhard Knigge verdient gemacht.

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