Wenn wir uns auch hier viel mit Israel beschäftigen, dann liegt das natürlich daran, dass dies Land für uns sehr wichtig ist. Es kommt nicht nur vom Holocaust, obwohl der nach wie vor eine große Rolle spielt. Grund dafür ist, dass Israel zum Westen zählt und die einzige Demokratie im Nahen Osten darstellt. Israels Zugehörigkeit zu Europa und seine Fundierung durch die Menschenrechte kommt ja zum Ausdruck etwa im Sport durch die Mitgliedschaft in europäischen Verbänden. Und wenn unsere Beschäftigung mit Israel häufig kritisch ausfällt, dann ist das kein Antisemitismus, sondern beruht auf der Meinungsfreiheit und der Erkenntnis, dass die Tabuisierung mancher Mißstände nichts zur Verbesserung beitragen würde.
Das Vordringen der ultra-orthdoxen religiösen Juden in Israels Staat und Gesellschaft ist besorgniserregend. Die Haredim, die Gottesfürchtigen, studieren von morgens bis abends Thora und Talmud. Zu erkennen ist dies vor allem in Jerusalems Stadtteil Mea Shearim. Die Frömmsten der Frommen bestimmen hier das öffentliche Leben. Es geht aber um die Zukunft des ganzen Landes. Jüdische Demokratie steht gegen jüdische Theokratie. Neuerdings haben sich die Religiösen, die in Form der Schas-Partei die Regierung von Benjamin Netanjahu mit bestimmen, eine Gruppe vorgenommen, die häufig das Opfer der religiösen Reaktion wird: die Frauen. Ihnen werden unter dem Vorwand, sich um Anstand und Sitte zu sorgen, zunehmend Rechte genommen. In manchen Bussen müssen sie hinten sitzen. Die Männer vorne. Die Frauen sollen „züchtige Kleidung“ tragen und müssen manchmal den Bürgersteig benutzen, der von Männern nicht genommen wird. Bestimmte Literatur wird von den Ultras auch mit Gewalt verfolgt. Bei entsprechenden Buchhandlungen werfen die Religiös-Radikalen die Scheiben ein.
Nun hat bei den letzten Wahlen der Kampf um getrennte Wahlurnen begonnen, auch wenn sich das für uns unglaublich anhört. In Schwimmbädern, in Krankenhäusern und Supermärkten wird mitten im westlichen High-Tech-Land Israel Geschlechtertrennung auf Taliban-Art praktiziert. Da hat es bisher nicht geholfen, dass so etwas von den Gerichten ständig untersagt wird, dass viele Politiker mahnen. Vielfach dürfen in der Werbung Frauen nicht mehr gezeigt werden. Auf Bussen sind sie fast vollständig verschwunden. Etc. Das Programm der Ultra-Orthdoxen besteht darin, die Frauen in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. Sogar in der Armee, zumindest vom Anspruch her eine Agentur der nationalen Vereinigung und der Gleichberechtigung, werden national-reliöse Soldaten dazu angehalten, Zeremonien zu boykottieren, bei denen Frauen singen. Ihnen soll das Kommando über Männer entzogen werden. Diese Forderungen werden, wie anderswo auf der Welt von der politischen Reaktion auch, vorzugsweise von alten Männern aufgestellt, für die Frauen das anscheinend grundsätzlich Böse verkörpern. Frauen dürfen an der Klagemauer nicht die Tora-Rolle tragen, um dort mit anderen Frauen zu beten.
Diese Entwicklung gibt es in Israel schon lange. Sie wird gespeist von der sephardischen Einwanderung, die den Einfluss der gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Arbeitspartei zurückdrängt. Außerdem bekommen die Religiös-Radikalen mehr Kinder als aufgeklärte Israelis. Bisher stellen die Ultra-Orthodoxen neun Prozent der Bevölkerung, in Jerusalem machen die Frommen allerdings schon ein Viertel der 800000 Menschen umfassenden Bevölkerung aus. Einige Israelis sind deswegen nach Tel Aviv gezogen. Säkulare Israelis haben begonnen, sich in dem Kulturkampf zur Wehr zu setzen und die Menschenrechte zu verteidigen. Vor allem sind es junge Leute und Frauen. Nicht immer werden sie von der Polizei ausreichend geschützt. Es ist zu hoffen, dass die Politik endlich die Ultra-Orthodoxen in die Schranken weist. Immerhin werden die beiden größten Oppositionsparteien von Frauen geführt. Am Obersten Gerichtshof präsidiert eine Richterin. Das sollte im Lande Golda Meirs, die 1969 die erste israelische Regierungschefin war, selbstverständlich sein.