In einem Beitrag zur FAZ (13. Dezember 2011) kritisiert der Chef-Theoretiker der Sozialgeschichte, Hans-Ulrich Wehler, Götz Alys neues Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ scharf. Diese Längsschnittstudie zur deutschen Geschichte zwischen 1800 und 1933 beruhe auf einer neuen Perspektive Alys, der früher eher vulgärmarxistisch argumentiert habe. Hier biete er eine sozialpsychologische Erklärung an. Er führe die radikale Ablehnung der Juden in Deutschland nämlich auf deren schnellen und nachhaltigen Aufstieg in der Gesellschaft zurück. Jüdische Rechtsanwälte, Ärzte und Hochschullehrer hätten zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts einen erstaunlich großen Anteil unter ihren Kollegen eingenommen. Dies habe zu Neid geführt, genau wie die erfolgreichen Bank- und Handelsgeschäfte. Seinerzeit sei eher die Rede von der deutsch-jüdischen Symbiose gewesen.
So habe George Mosse, ein Spross aus der Medien-Dynastie Mosse, als amerikanischer Historiker die Behauptung vertreten: „Wenn vor 1914 die Möglichkeit eines antijüdischen Massenmords überhaupt erörtert worden wäre, hätte jeder Kenner an das Frankreich der Dreyfus-Affäre, allenfalls an die Untaten der Kosaken gedacht.“
Wehler vertritt die Ansicht, dass um 1850 in Deutschland die Alphabetisierung der Bevölkerung erreicht war und die Gymnasien und Universitäten sich zunehmend den Mittelschichten öffneten. „Im internationalen Vergleich war das deutsche Bildungssystem offener als das französische, erst recht das englische und das vermeintlichegalitäre amerikanische.“
Drei sehr wichtige Elemente der deutschen Judenfeindschaft unterschätze Aly sträflich:
1. den christlichen Antijudaismus,
2. den Ende des 19. Jahrhunderts grassierenden deutschen Nationalismus und
3. den neuen Rassenantisemitismus (Chamberlain, Lanz von Liebenfels et alii).
„Antijudaismus, Nationalismus und Rassismus sind seit dem späten neunzehnten Jahrhundert eine unheilvolle Fusion eingegangen.“ Dennoch sei vor dem Ersten Weltkrieg die Anzahl der Stimmen für antisemitische Parteien gesunken. Und spräche ein jüdischer Anteil von 20 Prozent unter den deutschen Hochschullehrern für Sozialneid?
Für Wehler spielen die diskriminierende Judenzählung des Militärs im Weltkrieg (1916), die Kriegsniederlage und der Versailler Frieden eine ebenso große Rolle für den Antisemitismus wie die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise seit 1929. Während des Verfalls der Weimarer Republik zwischen 1930 und 1933 sei Hitler mit der NSDAP genau zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle gewesen, um die Macht zu erringen und später die Judenvernichtungspolitik zu führen. Davon sei bei Aly viel zu wenig die Rede. Deswegen sei seine Erklärung des Aufstiegs des Antisemitismus ein „Flop“. Man frage sich, „wie überaus wohlwollende Rezensenten (wie etwa Gustav Seibt in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ vom 12. August) auf solch ein flüchtig fabriziertes Buch hereinfallen konnten“.
Wehler führt bekannte und sehr wichtige Erklärungsmuster an. Kann es nicht sein, dass Götz Aly gerade ein Element zur Erklärung herausgegriffen hat, das bisher vernachlässigt wurde? Gerade weil es dem Bürgertum kein gutes Zeugnis ausstellt?