In der „Literarischen Welt“ vom 5. November 2011 nimmt sich Günter de Bruyn die ersten Monogafien vor, die anlässlich des 300. Geburtstags Friedrichs des Großen im Januar 2012 erschienen sind. Dabei berücksichtigt er auch Theodor Schieders Friedrich-Buch von 1983 und Johannes Kunischs von 2004, das viel besprochen wurde. Nur Rudolf Augsteins „Preußens Friedrich und die Deutschen“ (1968) bleibt unberücksichtigt. Ich habe den Eindruck, dass einige sich an Augstein dadurch rächen wollen, dass sie ihn verschweigen.
De Bruyn, der ehemalige Lehrer und Bibliothekar, ist zunächst in der DDR als Schriftsteller hervorgertreten mit Büchern wie „Buridans Esel“ (1968), „Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter (1975), „Märkische Forschungen“ (1978), „Zwischenbilanz“ (1992), „Vierzig Jahre“ (1996) und „Preußens Luise. Vom Entstehen und Vergehen einer Legende.“ (2001). Insbesondere seine autobiografischen Schriften haben Eindruck gemacht. Und de Bruyn gilt zu Recht als Preußenkenner.
Er bespricht:
Tillmann Bendikowski: Friedrich der Große,
Jürgen Luh: Der Große. Friedrich der II. von Preußen,
Jens Bisky: Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch,
und Jürgen Overhoff: Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung.
Dabei vergessen wir nicht, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert im deutschen Film und von deutsch-nationalen Kreisen (z.B. dem Hugenberg-Konzern) Friedrichs Bild gezeichnet worden ist. Friedrich trug dabei zumeist die Züge Otto Gebührs und hatte einen rheinischen Akzent wie Joseph Goebbels. Die Legende, die seinerzeit entfaltet wurde, diente der Porträtierung eines Helden und Aufklärers (der Kriegstreiber und Soldat war selbstverständlich) und hat den Konservativen (DNVP) Auftrieb gegeben. Dadurch konnten sie zu den „Steigbügelhaltern“ der Nazis werden und so ihren Beitrag zur deutschen Katastrophe leisten. Dass diese Charakterisierung heute nicht mehr möglich ist, liegt auf der Hand.
De Bruyn scheint aber über kritische Töne gar nicht immer froh zu sein. Manchmal erscheinen sie ihm zu wohlfeil. Bendikowski beschäftige sich hauptsächlich mit der Geschichte von Friedrichs „Nachleben“. Damit würde er ja einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Friedrich-Legende (und für unseren Umgang mit dem „alten Fritzen“) leisten. Jürgen Luh stelle zu stark auf Friedrichs „Ruhmsucht“ ab. Da werde behauptet, auch die poetischen Werke seien nur aus diesem Grund geschrieben. Auch die berühmte Flucht vor dem Vater habe hauptsächlich diesem Ziel gedient. Ich möchte natürlich auch wissen, was denn glaubwürdiger und für Friedrichs Verständnis wichtiger ist, seine Liebe zu seiner Schwester Wilhelmine oder zu den feschen Leutnanten und Pagen oder den Windhunden. Darüber erfahren wir bei de Bruyn gar nichts.
Er lobt Jens Biskys „Lesebuch“. Es sei sprachlich gewandt und prägnant. Wir denken daran, dass Bisky wohl ein Preußen-Faible hat; denn viele von uns haben ja noch nicht einmal seine Kleist-Biografie gelesen, mit der Bisky kürzlich hervorgetreten ist. Der Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, der uns dort als Kulturjournalist überzeugt, scheint sehr produktiv zu sein. Er lässt uns an Friedrichs Zynismus, seine Essgewohnheiten und seinem Wagemut auf dem Schlachtfeld teilnehmen. Tatsächlich kommt hier nicht zuletzt der Kriegstreiber und Schlachtenlenker Friedrich in den Blick. Jedenfalls hat er Preußens Prestige stark gemehrt. Friedrichs ziemlich bedenkenlos geführte Kriege können natürlich heute Preußens Ruhm nicht mehr so umstandslos fundieren. Damit setzt sich auch Jürgen Overhoff auseinander, der origineller Weise Friedrich den Großen mit George Washington vergleicht und sie beide als Wegbereiter der Aufklärung begreift. Für uns ist der Weg der Vereinigten Staaten in die parlamentarische Demokratie schlüssiger und überzeugender als Preußens Weg in den aufgeklärten Absolutismus. Dabei wurde zu viel Autoritätsgläubigkeit und Untertanengeist produziert, die wir in der modernen Welt nicht mehr gebrauchen können. Wenn Overhoff das zeigt, um so besser. De Bruyn bezeichnet sein Buch als sachkundig und gut lesbar und räumt ihm einen „bevorzugten Platz“ ein.
Welche speziellen Rachemotive unterstellen Sie den Friedrich-II-Biografen in Bezug auf Augstein? Publizistischen Neid, weil der »Spiegel« das Thema Preußen immer ganz oben auf der Agenda hatte?