Sind die Menschenrechte universell? Der Friedensnobelpreis und die Sinologie.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo hat nicht nur die Kommunistische Partei Chinas, sondern auch die Sinologie in Turbulenzen gestürzt, wie Heiner Roetz (SZ 17.12.2010) räsoniert. Wer erwartet hatte, dass sich die Sinologie auf breiter Front mit Liu Xiaobo solidarisierte, sah sich getäuscht. Geprägt wurde das Bild durch die „Chinaversteher“. Diese bemühen häufig die „chinesische Kultur“, wenn sie meinen, dass „der Westen“ an China Maßstäbe anlegt, die dem Land fremd sind. Damit steht im Zusammenhang, dass immer mehr Konfuzius-Institute an sinologische oder ostasienwissenschaftliche Seminare angeschlossen werden.

Am Tag der Verleihung des Friedens-Nobelpreises begann ihre fünfte Jahrestagung. Dort wurden Mitarbeiter ausgezeichnet, die sich um die „Erweiterung der Freundschaft zwischen dem chinesischen Volk und den Völkern der anderen Staaten und die Förderung des Aufbaus einer harmonischen Welt“ verdient gemacht hätten. Die Volksrepublik China strebt nämlich die Koexistenz der verschiedenen „Kulturen“ an, ohne dass sich die eine in das Wertesystem der anderen einmischt. Die Vermittlung der „chinesischen Kultur“ ist zu einem Politikum geworden, dessen Ziel es ist, neben die Menschenrechte gleichberechtigt andere „Kulturen“, hier die chinesische, zu stellen. Konfuzius heißt der neue Botschafter, der vor noch nicht allzu langer Zeit aus chinesich-sozialistischer Perspektive noch als Ideologe der Sklavenhalteraristokratie gebrandmarkt wurde. Die chinesische Politik hat aus propagandistischen Gründen von einer „sozialistischen“ auf eine „kulturalistische“ Perspektive umgestellt. Das finden wir übrigens auch anderswo in der Welt, wo die Menschenrechte bekämpft werden.

Und die Sinologie arbeitet weithin mit dem gleichen monadischen und relativistischen Kulturbegriff wie die chinesische Propaganda. Danach ist China das „ganz Andere“, das aus sich selbst heraus verstanden werden muss. Der Universalismus der Menschenrechte wird bekämpft. Übersehen wird dabei unter anderem, dass dem „Westen“ die Menschenrechte nicht in den Schoß gefallen sind, sondern hart erkämpft werden mussten (amerikanische Unabhängigkeitserkläruzng von 1776).

Die Sinologie liegt damit in einem breiteren Trend der Geistes- und Sozialwissenschaften, der den „Faktor Kultur“ zum neuen Paradigma erhoben hat. Die Moderne, welche sich die Verwirklichung eines universal gültigen Prinzips der „freien Subjektivität“ und der Republik zum Ziel gesetzt hat, soll in den „objektiven Geist“ der Kulturen oder großen „Zivilisationen“^zurückversetzt werden. Die „chinesische Kultur“ soll gleichberechtigt neben der Kultur der Menschenrechte stehen, wie sie zum Beispiel vom Grundgesetz proklamiert wird.

Typisch ist dabei, dass die Erde zwar von der gleichen Logik der Ökonomie und der Technik überzogen wird, dass aber nicht überall die gleiche Moral herrschen soll. Das kommt der chinesischen Propaganda sehr gelegen. Darüberhinaus sehe ich es so, dass sich auch viele westliche Ökonomen und Techniker nicht die Logik und Systematik der Menschenrechte zu eigen gemacht haben. Wahrscheinlich haben sie darüber nichts gelernt. Um so leichter sind sie von der Propaganda des „kulturellen Faktors“ zu überzeugen. Und sie finden generell die ökonomische und technische Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China unproblematisch. So schließen gleichermaßen Autobauer und Universitäten Kooperationsverträge mit chinesischen Partnern, ohne die politischen und ideologischen Folgen genug zu berücksichtigen.

Sind nicht Wirtschaftswachstum, sichere Arbeitsplätze, hohe Löhne und Zusammenarbeit gut? Und Unterscheidung und Abgrenzung schlecht? So denken gewiss viele Menschen (Wähler). Haben uns nicht die Jongleure der internationalen Finanzmärkte in eine finanzwirtschaftliche Abhängigkeit von China hinein manövriert? Sind wir inzwischen nicht schon von chinesischer Hilfe abhängig?

Dies mag in vieler Hinsicht wohl schon so sein. Aber vergessen wir nicht, was wir in Deutschland nach 1945 der Demokratisierung und „Verwestlichung“ zu verdanken haben. Und wehren wir den Anfängen beim Relativieren der Menschenrechte. Sie sind unteilbar und gelten überall auf der Welt. Gerade dadurch wird ja deutlich, dass es Staaten wie China gibt, die ihren Bürgern die freie Meinungsäußerung und freie Wahlen verweigern. Mit ihnen dürfen wir uns nicht gemein machen. Bestehen wir auf den Unterschieden und betonen wir die Einhaltung der Menschenrechte. Das schließt eine vernünftige Wirtschafts- und Finanzpolitik überhaupt nicht aus. Und auch keine geordnete Bildungs- und Beschäftigungspolitik mit sicheren Einkommen.

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