Für seine Äußerung, Deutschland benötige keine „Zuwanderung aus anderen Kulturen“, kritisiert Frank Schirrmacher den bayerischen Ministerpräsidenten in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (12.10.2010) in aller wünschenswerten Klarheit. Die Aussage sei nur ein Ausdruck „fast vollständiger politischer Unfähigkeit“. Die Menschen in Deutschland würden sich daran noch erinnern. „Sie werden sich nach der Einwanderung aus anderen Kulturkreisen noch sehnen, wenn ihnen bewusst geworden ist, was ein langes Leben in einer Gesellschaft heißt, die nur ein kurzes finanzieren kann.“
Ohne qualifizierte Einwanderung werde Deutschland erodieren. Das wisse auch Seehofer, der allerdings auch schon die Rente mit 67 in Frage gestellt habe. Der Anteil der 19- bis 24-Jährigen schrumpfe dramatisch. Wie in Bulgarien und den baltischen Staaten. Die „sechs angloamerikanischen Einwanderungsländer, von Australien bis Nordamerika“ hätten ihre Anforderungen an den Weltmarkt für Talente statistisch bereits formuliert. „Heute, und nicht erst 2020, entscheidet sich nicht nur, ob wir qualifizierte Zuwanderung aus allen Kulturkreisen bekommen, …“ Seehofer habe „keine auch nur annähernd seriöse Antwort auf den demografischen Wandel“. Seine Wortmeldung spiele sich vor dem Hintergrund einer psychosozialen Verstörung ab, die durch die politisch skandalöse Behandlung des ungelesenen Buches von Thilo Sarrazin aufgebrochen sei.
Scharf kritisiert Schirrmacher aber auch den Bundespräsidenten für seine Rede zum Tag der deutschen Einheit. Sie habe sich teilweise angehört, „als sei der Islam eine verfolgte Minderheit in Deutschland“. „Das Bürgertum lebt davon, dass es sich ständig über die Aufstiegserfolge unterer Schichten regeneriert und im besten Fall sogar dadurch wächst.“ Der Hebel dafür heiße Leistung und Bildung, unabhängig vom Kulturkreis. „Kinder müssen mehr können als ihre Eltern, Einwanderer müssen mehr können als Einheimische“, das sei das Credo der vorbildlichen kanadischen Einwanderungspolitik.