Was Thilo Sarrazin dazu gebracht hat, von einem Juden-Gen zu sprechen, wissen wir nicht. Es kann weitere Zuspitzung oder Krawallmacherei gewesen sein. Jedenfalls müssen stets die Juden herhalten, wenn ein Thema verkauft werden soll, findet Maram Stern („Süddeutsche Zeitung“, 8.9.2010), der Vizepräsident und stellvertretende Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses. „Als Jude fragt man sich, warum diese Leute immer den Juden brauchen, um ihre eigenen Thesen zu unterschiedlichsten Themen in der Welt zu verbreiten? Könnten sie nicht mit ihrer gesamten Intelligenz und all ihren rationalen Argumenten einfach darauf verzichten, uns zum Beleg für ihre Thesen machen zu wollen? Die Erfahrung gibt die Antwort. Und die Antwort lautet: Nein.“
Es sei Unfug zu sagen, die Juden seien schlauer als andere. Es gäbe große und kleine Juden, dicke und dünne, schlaue und dumme. Selbst wer meine, den Juden durch die Zuweisung besonderer Eigenschaften einen Gefallen zu tun, der irre. „Denn praktisch passiert genau das Gegenteil. Wenn auch positiv, wir Juden werden wieder herausgehoben aus der Allgemeinheit, in eine Sonderstellung versetzt und damit letztlich doch wieder stigmatisiert. Es muss sich noch in vielen Köpfen die Erkenntnis durchsetzen, dass wir Juden einfach nur Menschen sind, wie alle anderen auch.“
Der „durchschnittliche Jude“ glaube auch nicht, immer im Recht zu sein, wie der EU-Handelskommissar Karel de Gucht gemeint habe. Gucht warne davor, die Macht der jüdischen Lobby in den Vereinigten Staaten zu unterschätzen. Er sähe darin ein Haupthindernis für Frieden im Nahen Osten. „Es fehlt nicht mehr viel zur elenden Stereotype von der ‚jüdischen Weltverschwörung‘, wie sie seit Jahrzehnten als Obsession in der Gedankenwelt verschrobener Menschen wohnt.“ Gucht rede in erschreckender Weise der antijüdischen Propaganda jener islamischer Radikaler das Wort, die keine Verständigung suchten. An diesem Beispiel sei zu erkennen, wie tief antijüdische Vorurteile selbst in führenden Kreisen verwurzelt seien. „Dass wir Juden in der amerikanischen Politik häufig die besseren Partner haben, stimmt mich als Deutschen und Europäer nachdenklich. Dem durchschnittlichen Juden, der ich auch bin, gibt es Sicherheit.“
Des Themas hat sich Henryk M. Broder schon auf seine eigene Weise angenommen („Der Spiegel“, 6.9.2010). Natürlich bezieht er sich mit der Frage, ob eigentlich alle dasselbe Zeug gekifft hätten, wie neuerdings häufiger, auf seine Isländer (und sogar auf die Wikinger). Bei den Isländern findet er keinen Analphabetismus. Wie auch bei den Armeniern und den Juden nicht. Die Juden verstünden sich als das Volk des Buches. Diese Tradition werde von Generation zu Generation „vererbt“, kenne ein „gelobtes Land“ und habe reichlich Erfahrungen mit Pogromen. „Alles zusammen kann man ‚Identität‘ nennen. Man kann aber auch ‚Gen‘ dazu sagen. Und wenn Armenier, Isländer und Juden ähnliche ‚Gene‘ haben, dann ist das keine rassistische Feststellung, sondern nur ein Hinweis darauf, dass ähnliche Lebensumstände im Lauf der Zeit zu ähnlichen Ausprägungen führen.“ Ja, wenn es die „Lebensumstände“ sind, dann ja gerade nicht die Gene.
Broder stimmt Sarrazin weithin zu. „Dass Sarrazin dennoch solche Aggressionen mobilisiert, liegt nicht daran, dass er sich möglicherweise in eingen Punkten irrt, sondern daran, dass er vermutlich in den meisten recht hat.“ Aber er sagt doch, dass Sarrazin sich mit dem „Juden-Gen“ vergaloppiert habe. Wenn Aussehen und Krankheit vererbt würden, was niemand bezweifle, dann müsse auch die Frage erlaubt sein, warum Juden – von Ausnahmen abgesehen – schlechte Sportler und gute Schachspieler seien; warum die meisten Bluesmusiker schwarz seien und warum Kenianer oft Marathonrennen gewönnen; warum Asiaten an amerikanischen Universitäten überproportional vertreten seien.
Diskriminieren heiße ursprünglich auch „unterscheiden“. Nur wenn die Feststellung von Unterschieden zur Ausgrenzung führe, werde es hässlich und gefährlich. „Deswegen essen wir heute halal, morgen koscher und übermorgen eine Haxe, hören morgens Klavierkonzerte und abends Krawallmusik, bewundern die Spanier für ihr Temperament, die Engländer für ihre Gelassenheit und machen Witze über den Geiz der Schotten. Es sind Klischees, aber sie haben ihren Charme und erleichtern uns die Orientierung.“
Mit Sarrazin stimmt Broder darin überein, dass der Islam ein autoritäres, archaisches System ist, das sich der Mittel der Moderne bedient, ohne deren Geist zu übernehmen. Der Islam ist für Broder mit demokratischen Werten und Strukturen nicht kompatibel: Gewaltenteilung, Trennung von Staat und Kirche, Selbstbestimmung des Individuums, Glaubens- und Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und freie Partnerwahl. Dass es einen aufgeklärten europäischen Islam geben kann, zieht er nicht in Betracht.
Wenn Henryk M. Broder dem „jüdischen Gen“ halbwegs den Zahn gezogen hat, dann geht Leon de Winter in seiner Persiflage („Süddeutsche Zeitung“, 9.9.2010) noch einen Schritt weiter. Er stellt dort dar, wie er Thilo Sarrazin auf einer Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg die Erkenntnis teuer verkauft habe, woher die jüdische Intelligenz stamme. Davon nämlich, dass alle Juden eine Heringsgräte bei sich trügen. „Hering schmeckt nicht nur gut, am besten mit rohen Zwiebeln, damit der starke Fischgeruch von einem anderen stärkeren Geruch übertönt wird, sondern es steigert auch die Hirnfunktion um den Faktor hundert, wenn man eine Heringsgräte bei sich trägt. Das tun wir seit Jahrhunderten. Seit wir von den Römern aus unserem Königreich vertrieben wurden und uns in Europa angesiedelt haben.“
Maram Stern, Henryk M. Broder und Leon de Winter dekonstruieren also die These vom „jüdischen Gen“ und von der jüdischen Überlegenheit weithin. Broder und de Winter lehnen den Islam als autoritär und unmodern ab. Sie halten ihn nicht für kompatibel mit den Menschenrechten. Broder glaubt anscheinend auch nicht an die Wandlungsfähigkeit des Islam. Dies ist meines Erachtens vollkommen durch den Geist und die Karrieren von Muslimen in Deutschland widerlegt, von denen viele inzwischen deutsche Staatbürger sind. Es kann einen mit den Menschenrechten vereinbaren europäischen Islam geben, der sich von dem traditionellen Islam unterscheidet.
Jörg Blech („Der Spiegel“, 6.9.2010) gibt uns einen kurzen und plausiblen Überblick über die Intelligenzforschung. Darin stellt er bei der Zwillingsforschung, die dieser Forschung prinzipiell zugrunde liegt, eine entscheidende Erweiterung fest. Die Intelligenzmessung ergibt nämlich bei Zwillingen aus zerrütteten Familien, dass hier die Erblichkeit der Intelligenzunterschiede praktisch bei Null liegt. Ganz im Gegensatz zu Zwillingen aus behüteten Familien. „Der Anteil genetischer Faktoren an den Intelligenzunterschieden ist davon abhängig, ob die Umwelt es einem Menschen überhaupt ermöglicht, sein genetisches Potential zu entfalten.“ Unterschiede bei mathematischen Leistungen resultierten häufig nicht aus der Intelligenz, sondern aus der Einstellung zu den mitgeteilten Ergebnissen. In einer Studie ließen die Forscher Studenten aus Japan und Kanada mathematische Aufgaben lösen. Unabhängig davon, wie die Tests tatsächlich ausgegangen waren, sagten die Forscher einem Teil der Probanden, sie hätten hervorragend abgeschnitten. Der andere Teil bekam zu hören, er habe total versagt. „Die Reaktionen der Studenten offenbarten einen bemerkenswerten kulturellen Unterschied. Die Kanadier spornte offenbar der Erfolg an: Diejenigen unter ihnen, denen man nach den ersten Tests ein gutes Ergebnis mitgeteilt hatte, arbeiteten wesentlich länger an den zweiten Aufgaben als Landsleute, denen man beim ersten Test ein miserables Abschneiden bescheinigt hatte. Ganz anders verhielten sich die Japaner: Unter ihnen arbeiteten jene länger und besonders hart, die zuvor ein schlechtes Resultat bekommen hatten. Gerade das Gefühl des Scheiterns scheint ihren Ehrgeiz zu wecken.“