Genetik und Intelligenzforschung können missbraucht werden.

Thilo Sarrazin bezieht sich in seinem Buch auf aktuelle humangenetische Erkenntnisse, die kürzlich in den Zeitschriften „Nature“ und „American Journal of Human Genetics“ veröffentlicht worden sind. Darin geht es aber nicht um ein einziges Gen, sondern darum, dass „Juden mehr genetisches Material miteinander (teilen) als mit ihrer nichtjüdischen Umgebung“ (Gil Atzmon). Ähnliche Ergebnisse haben Doron M. Behar und Harry Ostrer bekommen, die hier schon angesprochen (am 4.9.2010) worden sind. Solche Ergebnisse finden sich auch für Isländer und Subpopulationen in Finnland, Estland und auf Sardinien. Was die Forscher auch immer zu ihren Projekten gebracht hat, von einem „Juden-Gen“ kann also vernünftigerweise keine Rede sein. Es ist wissenschaftlicher Unsinn. Jörg Albrecht und Volker Stollorz schreiben („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, 5.9.2010): „Ein spezifisches Juden-Gen gibt es also nicht. Genauso wenig wie ein Deutschen- oder ein Türken-Gen. Das ist auch nicht zu erwarten. Nur sehr wenige Eigenschaften des Menschen werden von einem einzigen Gen diktiert.“ Und schlagend ist die Frage einer Journalistin vom Evangelischen Pressedienst: „Was verändert sich im Genom einer Christin, die aus Liebe zu einem Juden zum jüdischen Glauben übertritt?“

Etwas anders sieht es hier schon bei der Intelligenzforschung aus. Hier müssen wir uns zwar auf die Formulierung einlassen, dass Intelligenz das ist, was wir mit Intelligenztests messen. Und klar ist auch, dass Intelligenztests sehr stark sprachliche Kompetenz erkunden. Das bedeutet, dass sprachlich Schwächere von vornherein schlechtere Ergebnisse bei Intelligenztests erzielen als andere. Mittlerweile gibt es über 100 verschiedene Testverfahren. Inzwischen sind sogar sprachfreie Tests entwickelt worden, bei denen Gastarbeiter und Immigranten besser abschneiden. Aber immerhin stützen seriöse Ergebnisse Sarrazins Behauptung, dass fünfzig bis achtzig Prozent der Begabung erblich sind.

Die anerkannte Intelligenzforscherin Elsbeth Stern („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 2.9.2010) sagt: „In allen Studien findet man, dass eineiige Zwillingspaare eine deutlich höhere Übereinstimmung im IQ zeigen als zweieiige Zwillingspaare, obwohl beide Arten von Zwillingspaaren sehr ähnliche Erfahrungswelten haben (Gebärmutter, Kinderzimmer, Kita, Schule). Dies belegt die Bedeutung der Gene beim Zustandekommen von Unterschieden.“ Wenn wir das Lernpotential einer Person in einem für sie neuen Gebiet vorhersagen wollten, dann seien Intelligenztests besser geeignet als alle anderen diagnostischen Maßnahmen. „Mit nicht-sprachlichen Intelligenztests würde man auch manches begabte Immigrantenkind identifizieren können, das aufgrund seiner unzureichenden Sprachkompetenz falsch eingestuft wird.“

Bei der Intelligenz gibt es also „Heritabilität“, die Beeinflussung der Intelligenz durch Erbanlagen. In den entwickelten Ländern mit allgemeiner Schulpflicht ist mindestens die Hälfte der beobachteten Intelligenzunterschiede auf Variationen im genetischen Code zurückzuführen. Je größer die Chancengleichheit im Bildungssystem also ist, um so stärker wird der erbliche Einfluss und um so größer werden die Leistungsunterschiede.

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