Sarrazin liegt falsch, sagt aber vieles Richtige.

Mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ provoziert Thilo Sarrazin und hat schon ein riesiges Medienecho gefunden. Wahrscheinlich markiert dieses Werk, obwohl es auch viel alt Bekanntes enthält, einen Wendepunkt in der Debatte. Aber eine Wende wohin? Für das Verständnis der Thesen Sarrazins sind zwei Einträge im Blog dienlich: am 4.5.2010 „Projekt: EU-Beitritt der Türkei“ und am 26.6.2010 „Gunnar Heinsohn verlangt eine geordnete Einwanderungspolitik und rechnet.“. Insbesondere der Eintrag über Heinsohn führt vor Augen, dass Deutschland Einwanderung braucht, weil heute schon mehr Menschen Deutschland verlassen als zuwandern und demnächst Fachkräfte fehlen. Heinsohn rechnet aus, wie viel die Migration uns schon gekostet hat. Er plädiert deswegen für eine gezielte Auswahl der Migranten wie sie in den USA, Kanda und Australien selbstverständlich ist. Nach Heinsohn muss die Einwanderungspolitik scharf antirassistisch sein, aber auf Qualifikationen achten. „Alle Hautfarben, alle Religionen und Sprachen sind willkommen.“

Sarrazin fordert viel Selbstverständliches: „Es ist das Recht einer jeden Gesellschaft, selbst zu entscheiden, wen sie aufnehmen will, und jedes Land hat das Recht, dabei auf die Wahrung seiner Kultur und seiner Traditionen zu achten. Auch in Deutschland und Europa sind solche Überlegungen legitim, und sie werden ja auch zunehmend angestellt. Dabei kommt man um Urteile nicht herum, und es wäre auch ganz falsch, ihnen auszuweichen. Diese Urteile betreffen sowohl die Anforderungen, die wir an die Integrationsfähigkeit und Integrationsbereitschaft von Migranten stellen, als auch die Frage, wen wir überhaupt als Migranten akzeptieren wollen.“ („Der Spiegel“, 23.8.2010) Die geografische und kulturelle Grenze Europas ist für Sarrazin klar am Bosporus zu ziehen und nicht an der türkischen Grenze zum Irak und Iran. Er stellt darauf ab, dass die Unterschichten in Deutschland und die muslimischen Migranten eine höhere Fertilitätsrate haben als andere. Das ist für ihn die Crux. Außerdem stellt er bei muslimischen Migranten eine unterdurchschnittliche Erwerbsbeteiligung fest.

„Es reicht, dass Muslime unsere Gesetze beachten, ihre Frauen nicht unterdrücken, Zwangsheiraten abschaffen, ihre Jugendlichen an Gewalttätigkeiten hindern und für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Darum geht es. Wer diese Forderungen als Zwang zur Assimilation kritisiert, hat in der Tat ein Integrationsproblem.“ Sarrazin unterstreicht, dass es in Deutschland für Migranten eine soziale Grundsicherung gibt, die die Konkurrenten USA, Kanada und Australien nicht kennen. Wer Türke oder Araber bleiben wolle und dies auch für seine Kinder möchte, der sei in seinem Herkunftsland besser aufgehoben. „Und wer vor allem an den Segnungen des Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.“ Das sind klare Worte.

Sarrazin meint, dass die letzten Jahrzehnte gezeigt hätten, dass die finanziellen und sozialen Kosten der muslimischen Einwanderung weitaus höher gewesen seien als der daraus fließende wirtschaftliche Ertrag. „Wenn wir den Zuzug nicht steuern, lassen wir letztlich eine Veränderung unserer Kultur, unserer Zivilisation und unseres Volkscharakters in eine Richtung zu, die wir gar nicht wünschen. Es würde nur wenige Generationen dauern, bis wir zur Minderheit im eigenen Land geworden sind. Das ist nicht nur ein Problem Deutschlands, sondern aller Völker Europas.“

Für Christian Geyer (FAZ, 26.8.2010) ist Sarrazins Buch ein „antimuslimisches Dossier auf genetischer Grundlage“. Seine These sei, dass die muslimische Immigration nach Deutschland gestoppt werden müsse, aus „letztlich“ genetischen Gründen. Dem stimmt Geyer nicht zu. Ihn stört vor allem die genetische Begründung. Einen Tag später fragt Berthold Kohler in der Leitglosse des gleichen Blattes immerhin, „warum Sarrazin so viel Zustimmung findet“. Wie nicht anders zu erwarten, erfährt Sarrazin auch viel scharfe Ablehnung. Von der Berliner SPD. Von der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Sie sagt dem „Hamburger Abendblatt“, Sarrazin missbrauche den Namen der SPD. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat dem Bundesbank-Vorstandsmitglied empfohlen, in die NPD einzutreten.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, Ruprecht Polenz (CDU), wirft Sarrazin „islamfeindliche und menschenverachtende Tiraden“ vor. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) spricht von „unerträglichen und wirren“ Thesen. „Bei Thilo Sarrazin handelt es sich um eine Art Dauerdelikt“, lässt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast wissen. Die Grünen fordern neue Regeln zur Abberufung von Vorstandsmitgliedern der Bundesbank. Diese wiederum teilt mit, es handle sich bei Sarrazins Buch um private Ansichten. Vor einem Jahr schon hatte die Bundesbank Sarrazin das Ressort Bargeld entzogen, konnte ihn aber nicht entlassen. Die Bundeskanzlerin empfindet Sarrazins Thesen als wenig hilfreich.

In der „Zeit“ (26.8.2010) haben Bernd Ulrich und Özlem Topcu Thilo Sarrazin interviewt. Dort  sagt Sarrazin: „Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich. Zwischen Intelligenz, sozioökonomischem Hintergrund und Bildungsgrad besteht ein positiver statistischer Zusammenhang, der sich auch kausal erklären lässt.“ Die Interviewer meinen daraufhin, dass dann doch „mehr Bildung“ konsequenter sei als „weniger Muslime“. Sarrazin nimmt das zum Anlass zu betonen, dass auch die beste Bildung durch die angeborene Begabung und den Einfluss einer bildungsfernen Herkunft begrenzt werde. Ebenso zu Recht stellte er fest, dass eine optimale Förderung eines jeden Schülers nicht zu mehr Gleichheit, sondern zu mehr Ungleichheit führt. „Denn je größer die Chancengerechtigkeit, desto mehr schlagen die Gene durch. Eine gute Schule, das mag nicht jedem gefallen, produziert Leistungsunterschiede auf hohem Niveau“ Hier spricht Sarrazin tatsächlich das aus, was heute hauptsächlich rechts und links unterscheidet. Linke glauben nicht, dass Chancengleichheit größere Ungleichheit nach sich zieht.

Sarrazin im Interview: „Ich habe geschrieben, wer hier ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten, dass Zuwanderer die Sprache lernen, ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen und Bildungsehrgeiz für ihre Kinder haben – dass sie mit der Zeit Deutsche werden.“ Das ist ja wohl nicht mehr als recht und billig.

Die Interviewer halten Sarrazin vor, dass auch die gut integrierten, gebildeten Türken, die Deutschland als ihre Heimat betrachten, der Gesellschaft den Rücken kehren, wenn er von „Kopftuchmädchen“ spreche. „Wenn Sie sprechen, werden die Deutschtürken wieder zu Türken und die gemäßigten Muslime zu Islamisten. Herr Sarrazin, Sie vergiften den Brunnen, aus dem wir alle trinken.“ Darauf der Angesprochene: „Wer guten Willens und offenen Herzens ist, kann die Wahrheit ertragen. Ich weise nur auf die Probleme hin. Ich möchte nicht, dass wir eine Minderheit haben, die ihre Frauen unterdrückt und sie zwingt, hier Kopftuch zu tragen.“

Lamya Kaddor findet in der „Süddeutschen Zeitung“ (28./29.8.2010), dass es sie als gut ausgebildete, fromme, aufgeklärte und integrierte Muslimin nach Sarrazin in Deutschland eigentlich gar nicht geben dürfe. „Beim Lesen solcher Texte geht es nicht darum, das Haar in der Suppe zu finden, sondern allenfalls den Tropfen Suppe zwischen lauter Haaren.“ „Akademiker sind vom Entgegenkommen für die Islamkritiker angewidert und sprachlos. Wurden ihre Eltern und deren Eltern nicht geholt, um die deutsche Wirtschaft mitzutragen? Waren es nicht ihre Väter und Großväter, die mit einer Staublunge aus der Kohlengrube kamen, weil sich eingeborene Deutsche zu gut dafür waren?“ Berechtigte Fragen.

Sehr grundsätzlich nimmt sich Frank Schirrmacher Thilo Sarrazin vor („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, 29.8.2010). Auch er räumt ein, dass Sarrazin beschreibt, „woran im Befund nicht zu zweifeln ist, die Ergebnisse einer katastrophalen Einwanderungs-, Familien- und Integrationspolitik“. Die Fakten seien bekannt, sie würden mittlerweile durch die Erfahrungen von Entvölkerung, Parallelgesellschaften, Kinderarmut und verändertem Wahlverhalten von jedem wahrgenommen. „Man sollte Sarrazin nicht unterschätzen. Er will eine völlig neue politische Debatte auslösen, die im Kern biologisch und nicht kulturell argumentiert.“ Kultur sei für Sarrazin der Reflex biologischer Prozesse. Auch die These von der Schichtenabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland sei nicht neu. Den zentralen Fehler Sarrazins sieht Schirrmacher darin, dass er sich auf die Intelligenzforschung stützt (Charles Murray, Richard Herrnstadt „The Bell Curve“). Dabei habe Eric Turkheimer gezeigt, dass bei Zwillingen im Unterschichtenmilieu die Entwicklung der genetischen Anlagen tatsächlich von Umwelteinflüssen abhängig war. „Die Debatte ist unentschieden, und die Frage, ob Intelligenz größtenteils vererbt wird oder kulturell geschaffen werden kann, ist eine der völlig offenen Fragen. Sarrazin aber hält sie für beantwortet.“ Sarrazin sei auf der Flucht in die Biologie.

Er sei aber gewiss kein Rassist. Und er habe recht in vielem. „Aber seine Antwort ist so radikal, dass sie vor muslimischen Milieus nicht haltmachen wird. Sie betrifft alle, das sollten seine Anhänger wissen. Es ist ein Symptom, dass eine demografisch verwundete Gesellschaft ihren Ausweg in der Biologie sucht. Es ist ein fataler Irrweg. Sarrazins Intelligenzmodell kennt keine spontanen Ausbrüche an Begabung und Talent. Er kann nicht erklären, wieso viele große geistige Leistungen der letzten Jahrhunderte aus bildungsferneren Schichten stammten. Dabei wäre dies der Impuls, mit dem man auch die muslimischen Milieus aufwecken könnte.“ Tatsächlich sind manche der von Sarrazin angesprochenen Verhältnisse nicht von der Hand zu weisen. Es genügt aber nicht, bei ihrer Beschreibung stehen zu bleiben, sie festzuschreiben. Es müssen alle Beteiligten, neben den deutschen Unterschichtenmilieus auch die muslimischen Migranten, sich großen Anstrengungen unterziehen, um sich zu bilden. Das ist der mühsame, aber einzig richtige Weg. Diskriminierungen und Ausgrenzungen helfen uns nicht.

One Response to “Sarrazin liegt falsch, sagt aber vieles Richtige.”

  1. Gietinger sagt:

    1. Sarazin und sein Massenanhang in der SPD sind für mich der Beweis, dass auch nach Noske, Ebert und Co. die völkische SPD fortbesteht. Deren Existenz habe ich in meinem Buch „der Konterrevolutionär“ belegt.
    2. Sarazin ist der Beweis, dass Faschismus immer aus der Mitte einer Gesellschaft kommt und nicht vom Rand.
    3. Sarazin sollte sofort abgeschoben werden.

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