Badinters Polemik gegen die „Mütterlichkeit“

Das neue Buch der anerkannten französischen Feministin Elisabeth Badinter „Der Konflikt. Die Frau und die Mutter.“ erscheint in Deutschland und macht schon Furore. In Frankreich, dem „Klassenbesten in der Befreiung der Frauen“, sind bereits 200.000 Exemplare verkauft worden. Das Buch bestimmt den zentralen Diskurs dort. Britta Sandberg hat Badinter für den „Spiegel“ (23.8.2010) interviewt. Dort befürchtet die Französin einen Rückfall „in die Zeit unserer Großmütter“. Ja, im Grunde noch weiter ins 18. Jahrhundert, in die Zeit Jean-Jacques Rousseaus „und seinem Modell von der idealen Mutter“. Badinter: „Die Interessen der Mutter stehen eindeutig hinter denen des Kindes zurück, sie sind zweitrangig. Das wiederum zieht das Streben nach dem perfekten Kind nach sich. Wenn ich schon zu Hause bleibe, so die Logik vieler junger Mütter heute, wenn ich mich schon ganz und gar dem Kind widme, dann soll es auch ein möglichst perfektes Kind werden: optimal gefördert, intelligent, ausgeglichen, naturverbunden. Ich frage mich ernsthaft, was das langfristig mit den Kindern macht.“

Badinter, deren bekanntestes Buch von der Wandelbarkeit der Mutterliebe handelt, bekennt, dass sie selbst zu den Frauen gehört, die drei Kinder bekommen hat, „ohne das Für und Wider abzuwägen“. Sie führt hauptsächlich zwei Argumente ins Feld: „Erstens: Eines von zwei Paaren trennt sich innerhalb von drei bis sieben Jahren.“ „Zweitens: Die aktive Erziehung eines Kindes nimmt vielleicht 10 bis 15 Jahre der Gesamtlebenszeit ein, die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen liegt aber mittlerweile bei über 80 Jahren.“

Badinter: „Die Französinnen bekommen Kinder, weil es hier einfacher ist, Mutter zu sein und trotzdem zu arbeiten und noch andere Dinge zu tun. Sie können ihr Kind hier in fremde Hände geben – und weder ihre Schwiegermutter noch ihr Mann, noch ihre Mutter werden Ihnen das irgendwie vorwerfen. Fremdbetreuung ist in Frankreich nicht etwas grundsätzlich Schlechtes.“ Badinter findet es beunruhigend, dass nun, vermeintlich zum Wohl des Kindes, ein anderes Modell proagiert wird. „Es ist auch ein Diskurs gegen die materialistische, egoistische Konsumgesellschaft: Lasst uns zu den Wurzeln zurückfinden, sagen die Vertreter dieser ökologischen Bewegung, lasst uns auf die Natur hören. Lasst uns stillen. Lasst uns bei den Kindern bleiben. Und erstaunlicherweise gefällt das vielen jungen Frauen.“

Badinter hat sehr viele von ihren Kindern gelangweilte Frauen gesehen. „Stundenlang habe ich mir die leeren Gesichter mit diesem Gott-kotzt-mich-das-alles-an-Ausdruck angeschaut.“ Nach Badinter sollen Frauen zugeben, dass es unerträglich sein kann, einen ganzen Tag mit einem kleinen Kind zu verbringen. Sie plädiert in erster Linie für Distanz zu den Kindern. „Ich glaube, eine gute Mutter ist eine, die es schafft, eine gewisse Distanz zu ihrem Kind zu halten, nicht zu nah, nicht zu weit weg zu sein, ihm zu geben, was es braucht, es nicht zu unterdrücken, nicht abwesend und nicht ständig anwesend zu sein.“ 

Susanne Mayer („Die Zeit“, 26.8.2010) findet das polemisch. Badinters Beschwörungen der schönen Arbeitswelt der Frauen hätten den „Sound der siebziger Jahre“. „Die angebliche Wahlfreiheit zwischen einem Leben mit oder einem Leben ohne Kinder folgt der Logik des Konsums, dem der Lifestyle-Varianten. So weit ist Begehren durchdrungen von den Gesetzen des Marktes.“ Kinder hätten einen Widerstand gegen das Getaktete, sie folgten eigenen Rhythmen, „denen des Körpers und des gierig lernenden Geistes.“ Und sie müssten regelmäßig den Preis dafür bezahlen, dass in Frankreich so viele Kinder möglich seien, dadurch nämlich, dass sie an den Rand des Alltagslebens gedrängt würden. „Den Preis dafür, dass in Deutschland das Kind in den Mittelpunkt des weiblichen Alltags gestellt wird, zahlen Frauen wie Männer mit erzwungener Kinderlosigkeit.“

M.E. gibt es keine Lösung, die allen Interessen gleichermaßen gerecht wird. Die Bedürfnisse von Kindern, Müttern und Vätern sind doch nicht identisch. Sie müssen gegeneinander abgewogen werden. Und da soll dann jeder und jede selbst entscheiden, was für ihn und für sie das Beste ist. Oder für das Kind. Es gibt nicht die eine alleinseligmachende Lösung, wie Badinter es suggeriert. Und wir brauchen uns nicht gegenseitig als Schimpansen oder schlechte Eltern zu diffamieren. Die Entscheidung von Eltern, eine bestimmte Zeit hauptsächlich den Kindern zu widmen, verdient Anerkennung. Wahrscheinlich kommt sie der Gesellschaft zugute.

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