Sehr verdient macht sich in der „Zeit“ vom 15. Juli Thomas Kerstan mit seinem Plädoyer gegen das „längere gemeinsame Lernen“ in „Primarschulen“ oder „Gemeinschaftsschulen“. Er fürchtet, dass die Schulen, von denen die Zukunft unseres Landes abhängt, wieder zum Ort von Glaubenskriegen werden. Das mag vielleicht ein wenig übertrieben sein. Aber warum nicht eine pragmatisch-vernünftige Schulpolitik, gestützt auf Erkenntnisse der Bildungsforschung? Die Modefloskel vom „längeren gemeinsamen Lernen“ soll ja demnächst in Hamburg und in Nordrhein-Westfalen in die Tat umgesetzt werden. Allerdings entscheiden die Hamburger am 18.7. per Volksentscheid über das Projekt.
Kerstan zeigt durchaus Verständnis für das Ziel von mehr Bildungsgerechtigkeit. Das deutsche Bildungssystem habe sich im internationalen Vergleich als sozial ungerecht erwiesen. Die Kinder des Bildungsbürgertums würden bevorzugt, Arbeiterkinder aussortiert. Aber er bringt handfeste Beispiele. Die Niederlande und Belgien etwa haben eine sechsjährige Grundschule, sind aber sozial noch ungerechter als Deutschland. Und welches Bundesland ist das ungerechteste? Ausgerechnet Berlin, wo die Kinder sechs Jahre gemeinsam die Grundschule besuchen. Der Zürcher Bildungsforscher Helmut Fend, ursprünglich ein Befürworter von Gesamtschulen, so Kerstan, habe eindrücklich gezeigt, dass die soziale Herkunft von Schülern über deren Schul- und Berufsabschluss entscheide, unabhängig davon, ob sie vorher eine Gesamtschule oder eine Schule des gegliederten Systems besucht haben.
Für Kerstan richten die „schulpolitischenn Glaubenskrieger“ in zweierlei Hinsicht großen Schaden an. „Erstens zerschlagen sie ohne Not funktionierende Strukturen. In unserem problembeladenen Schulsystem erbringen die bei Eltern beliebten Gymnasien ganz passable Leistungen. Ihnen nach der Belastung durch die Gymnasialzeitverkürzung (G 8) nun zwei weitere Klassen zu amputieren, ist abenteuerlich. Sich zu den vorhandenen Problemen des Schulsystems noch neue zu schaffen, ist eine Torheit.“ Zweitens kosteten die falschen Strukturveränderungen sehr viel Kraft. Dass in Deutschland jeder fünfte Schüler die Schule verlasse, ohne richtig lesen und schreiben zu können, sei die „offene Wunde unserer Gesellschaft“. „Wenn hier nicht gehandelt wird, dann leidet nicht nur unsere Wirtschaftskraft darunter, weil der Mangel an Fachkräften durch das Schrumpfen der Bevölkerung größer wird; dann nehmen auch der soziale Friede und die politische Stabilität Schaden.“ Einig sei sich die Bildungsforschung darin, was die wirkungsvollsten Gegenmaßnahmen gegen die bildungspolitische Ungerechtigkeit seien: frühkindliche Bildung beginnend mit Hilfsangeboten für Problemfamilien von der Geburt an und gezielte Sprachförderung „nachmittags, am Wochenende, in den Ferien, vor der Schule und bis zum Schulabschluss“.
Kerstan beeindruckt durch sein Bemühen um Sachlichkeit. Er vermeidet Polemik. Aber haben wir tatsächlich nicht noch mehr Erkenntnisse über den Erfolg von Schul- und Bildungspolitik? Bei fast allen Pisa-Studien liegen die beiden Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg mit ihrem gegliederten Schulsystem regelmäßig an der Spitze, die Bundesländer Bremen, Hamburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern mit ihren verbreiteten bildungspolitischen Illusionen regelmäßig hinten. Die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Schulpolitik hat es in einigen Fällen schon geschafft, die Hauptschule kaputt zu machen. Das soll nun in Nordrhein-Westfalen weitergehen. Es handelt sich dabei um eine Schulpolitik im Sinne der sich selbst erüllenden Prophezeihung: Ich will die Hauptschule nicht mehr, rede sie schlecht, schwäche sie, dann habe ich am Ende die nicht leistungsfähige Schule. Zum Glück ist das noch nicht überall so. Aber es droht das weitere Umsichgreifen der Zertifizierungspolitik. Natürlich hat in Deutschland jeder Schüler das Recht auf einen Hauptschulabschluss. Wenn ich das aber im Sinne eines politischen Slogans thematisiere, dann gebe ich damit zu erkennen, dass ich unabhängig von seiner Leistung jedem Schüler diesen Abschluss geben will und werde. Damit ist weder dem Schüler selbst noch seinem möglichen Ausbildunsgbetrieb oder gar der Gesellschaft geholfen. Und einige Eltern bemühen sich um Gesamtschulen, weil darin so leicht das tatsächliche Leistungsniveau iher Kinder versteckt werden kann. Am Ende aber, wenn es um die Leistungen in Beruf und Gesellschaft geht, zumal im internationalen Vergleich, könnten wir alle davon die Leidtragenden sein. Weg mit der schulpolitischen Rosstäuscherei, her mit der frühkindlichen Förderung in Problemfamilien und mit permanenten Sprachkursen (vgl. insgesamt Christine Scharf: Vorschulerziehung als eine Maßnahme gegen Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht. Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt an Volksschulen. Göttingen 1969, 64 Seiten).