Für Henryk Broder verliert Israel seine Wehrhaftigkeit. In der „Welt“ vom 19.6. erinnert er an die Zerstörung des irakischen Atomreaktors Osirak 1981. Seinerzeit sei die Empörung ziemlich geheuchelt und von Respekt durchsetzt gewesen; denn Israel habe mit dem militärischen Eingreifen auch den Gegnern und Nachbarn des Iraks, vor allem Iran und Saudi-Arabien, einen Dienst erwiesen. „Inzwischen scheint den Israelis ausgerchnet die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, der sie ihre Existenz im Nahen Osten verdanken: Quantität durch Qualität, Masse durch Klasse zu ersetzen.“ Israel habe eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie Europa, es sei unpolitischer und hedonistischer geworden. Eigentlich eine positive Entwicklung, wie auch Broder meint. Gefährlich aber in der eigentümlichen geo-strategischen Lage, in der Israel sich befindet.
Israel habe mental abgerüstet. „Es hat bessere Waffen als je zuvor, aber vermutlich nicht mehr die Menschen, die sie bedienen können. Und schon gar nicht die Politiker, die es ihren Wählern erklären könnten, warum die beste Armee im Nahen Osten in jede Falle tappt, die ihr gestellt wird.“ Hier ist Broders Position sogar dicht bei der von David Grossmans und Amos Oz. Die Krige gegen die Hisbollah und die Hamas seien keine Erfolge mehr gewesen. „Die Israelis hatten schon immer einen starken Zug zum Autismus. Und es ist ihnen in fast jeder Krise gelungen, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie im Recht sind. Sie konnten es sich nicht vorstellen, die USA als Schutzpatron zu verlieren, und sie sind ganz außer sich über den geopolitischen Seitenwechsel der Türkei, obwohl der sich seit langem angekündigt hat.“
Inzwischen sei der Antizionismus in Europa zur allgemeinen Räson geworden. Hier übertreibt Broder hoffentlich. Dann nimmt er sich Shlomo Sands Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ vor, das nur ein weiteres Modul im Rückbau des zionistischen Projekts darstelle. „Nun ist der Zionismus als Begriff gerade 120 Jahre alt, das Judentum beziehungsweise jüdische Volk ein wenig älter. Wenn aber das jüdische Volk von den Zionisten ‚erfunden‘ wurde, dann steht auch der ‚Judenstaat‘ auf wackeligen Füßen, ein artifizielles Gebilde, ein Fremdkörper im Fleisch der Araber. So sehen es auch die Hamas, die Hisbollah und der iranische Präsident.“ Micha Brumlik hat Sands Buch im „Bulletin des Fritz Bauer Instituts“ (Einsicht 03/Frühjahr 2010) durchaus anders rezensiert. Er schreibt: „Das, alles zusammengenommen, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass das vermeintlich kontinuierliche jüdische Volk im Rahmen des schon biblischen Narrativs von Vertreibung und Wiederheimführung nichts anderes ist als ein allerdings geschichtsmächtiger Mythos, der aber mit der realen Geschichte der Juden nichts zu tun hat.“ Hier liegt Brumlik im Hinbblick auf den wissenschaftlichen Diskurs richtig und Broder bei der Beurteilung der Bedrohungslage Israels, keine gemütliche Perspektive.
Broder kommt in seinem „Welt“-Artikel dann auf sein Lieblingsthema zu sprechen, die „Israelkritik“ in Deutschland. „Aber die sogenannte Israelkritik hat wenig mit den Zuständen in Palästina und sehr viel mit den Bedürfnissen der Israelkritiker zu tun, die unter der Last der eigenen Geschichte ächzen. Es sind nicht die Israelis beziehungsweise die Juden, die von Hitler nicht loskommen, es sind die Deutschen, die im Schatten des großen Diktators leben, in einer Art Daueralarm, der auch bei nichtigsten Anlässen aktiviert wird, wenn zum Beispiel eine Fernsehmoderatorin ‚Autobahn‘ oder ‚innerer Reichsparteitag‘ sagt.“
Aber es seien keineswegs allein Deutsche, die Israels Existenz in Frage stellten. So müsste sich der Israel-Kriker Henning Mankell, der schwedische Krimi-Autor, nähme man seine Kritik ernst, sofort auf den Weg nach Usbekistan machen, um Druck auf die Regierung auszuüben, damit sie die Grenzen für usbekische Flüchtlinge aus Kirgistan öffne. Das werde er aber nicht tun; denn sowohl Usbeken als auch Kirgisen seien Muslime, in deren „Familienangelegenheiten“ er sich nicht einmische. „In Mankells humanitärer Agenda sind die Palästinenser nur Mittel zum Zweck. Für ihn liegt das Übel nicht in der Politik, sondern in der Existenz des Judenstaates. Dessen Gründung sei völkerrechtlich nicht legitim gewesen, deswegen ruft er die Israelis dazu auf, auf ihre ‚Privilegien zu verzichten und in einem palästinensischen Staat zu leben‘. Sollten sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, ist ‚der Untergang dieses verächtlichen Apartheidssystems das einzig denkbare Resultat‘ – gleich oder später: ‚Die Frage lautet also nicht, ob, sondern wann es geschieht.'“ Hier hat Broder leider wieder völlig Recht. Und wir sind gezwungen, gerade seine Argumente in unsere Beurteilung aufzunehmen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kritik an der israelischen Regierung einstellen.
Es gibt ein sehr intelligentes, kleines Buch, das für solcherlei Konflikt Lösungsstrategien bietet: „Getting to Yes“ von Fisher und Ury. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Namen „Das Harvard-Konzept“ erschienen. Es gibt durchaus Möglichkeiten Lösungen zu erzielen ohne in den wichtige Punkten nachzugeben. Grundvoraussetzung hierfür ist aber eine Basis bestehend aus gegenseitigem Respekt. Es mangelt nicht an Lösungsalternativen für diese Region, sondern an der Basis, die fraktisch nicht existiert. Antizionismus ist für mich ein sehr schwammiger Begriff. Wo Hass existiert, ist er selten nur auf eine Eigenschaft bezogen, wie der Religion oder Kultur. Hier liegt eine Kette von Frustrationen vor, auf beiden Seiten natürlich. Und solange beide Seiten vollkommene Gerechtigkeit für sich beanspruchen, ist kein Ende diese so genannten „Apardheidssystems“ in sicht. Natürlich gibt es den Antizionismus, aber das scheint für mich in diesem Konflikt nur noch Nebensache zu sein.