In der „Zeit“ vom 17.6.2010 prüft der US-amerikanische Historiker Tony Judt sechs Klischees über Israel.
1. Israel wird delegitimiert/soll delegitimiert werden.
Judt betrachtet Israel als einen Staat wie jeden anderen auch. Falls es das Völkerrecht breche, solle es dazu gedrängt werden, dies zu unterlassen. Israel werde nicht verschwinden und solle nicht verschwinden. „Was die offizielle israelische PR-Kampagne angeht, jegliche Kritik als Versuch der ‚Delegitimierung‘ des Landes zu diskreditieren, so schießt sich Israel ins eigene Bein.“
2. Israel ist eine Demokratie/ist keine Demokratie.
Für Judt ist Israel tatsächlich im Wesentlichen die einzige Demokratie im Nahen Osten. Aber das sei kein starkes Argument. Gaza sei seit den freien Wahlen von 2005 quasi auch eine Demokratie. Eine Demokratie mache nicht automatisch die Politik besser. „Allerdings diskriminiert Israel Nicht-Juden in einer Weise, die es von den meisten anderen Demokratien unterscheidet.“
3. Israel ist schuld/ist nicht schuld.
Für Judt trägt Israel keine Verantwortung dafür, dass seine Nachbarn ihm weithin das Existenzrecht abgesprochen haben. Daraus resultiere die israelische Mentalität, sich von allen Seiten belagert zu fühlen. Und das führe zum ständigen Rückgriff auf Gewalt. Wie an vielen anderen Orten auf der Welt auch komme Israel nicht daran vorbei, mit der Hamas verhandeln zu müssen. „Die Frage ist nur, warum nicht jetzt?“
4. Die Palästinenser sind schuld/sind nicht schuld.
Judt nimmt an, dass die Hamas irgendwann Israels Existenzrecht anerkennen werde. Aber seit 1967 sei es hauptsächlich Israel, dass die Gelegenheiten zu Verhandlungen verstreichen lasse. Dabei befinde es sich in der Rolle des Stärkeren. Die Waffe der Schwachen sei der Terrorismus.“Zu Recht bestehen die Israelis darauf, dass alle Gespräche davon abhängen, dass die Hamas dem Terror gegen Zivilisten abschwört.“
5. Die Israel-Lobby ist schuld/ist nicht schuld.
Nach Judt leistet die Israel-Lobby in Washington sehr gute Arbeit. „Diejenigen, die es unfair finden, wenn die Israel-Lobby als ‚zu einflussreich‘ beschrieben wird. liegen durchaus richtig: für das Wohlergehen der USA sind die Banken-Lobby und die Waffen-Lobby viel schädlicher.“ Es sei eine Sache, den übermäßigen Einfluss der Lobby zu beklagen, eine ganz andere sei es zu behaupten: „Die Juden beherrschen das Land.“ „Wir dürfen uns aber nicht deshalb selbst das Wort verbieten, weil es Menschen gibt, die das eine mit dem anderen verwechseln könnten.“
6. Kritik an Israel hat mit Antisemitismus zu tun/hat nichts mit Antisemitismus zu tun.
Judt: „Antisemitismus ist der Hass auf Juden, und Israel ist ein jüdischer Staat. Daher liegt es auf der Hand, dass manche Kritik an Israel böswillig motiviert ist. Aber Kritik an Israel, zunehmend auch vorgebracht von nicht israelischen Juden, ist überwiegend nicht antisemitisch motiviert.“ Neben den Öl-Scheichtümern sei Israel heute für die USA die größte strategische Belastung im Nahen Osten und in Zentralasien. Israel sei dafür verantwortlich, dass die USA ernsthaft Gefahr liefen, die Türkei als Partner zu verlieren.