David Grossman bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010. Der israelische Schriftsteller („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“), dessen Kritik am Entern der „Free Gaza“-Flotte hier zu Wort gebracht worden ist (vgl. unten: Wie tief ist Israel gesunken), hat für seine Verurteilung des Militäreinsatzes Unterstützung von Amos Oz (FAZ 4.6.), dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1992, und dem Historiker Moshe Zimmermann (SZ 4.6.) bekommen. Alle drei sind Israelis, keine Antizionisten oder Antisemiten oder Israel-Hasser.
Grossman wünscht sich, dass die Palästinenser ihren eigenen Staat bekommen. Zugleich ist für ihn Israel der einzige Ort, an dem Juden so etwas wie ein Zuhause haben können. Felicitas Lovenberg (FAZ 11.6.) lobt die Vergabe des Friedenspreises an Grossman als „eine gute, überzeugende, eine freudige Entscheidung, literarisch wie politisch“. Sie nennt „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ im gleichen Atemzug mit Amos Oz‘ grandiosem Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Und sie erwähnt, dass Grossmans Sohn Uri am 12. August 2006, kurz vor Ende des zweiten Libanonkriegs, gefallen ist.
Ines Kappert und Dirk Knipphals (taz 11.6.) nennen „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ Weltliteratur. Dass Grossman die Welt immer wieder literarisch zu weiten suche, mache die „tragische Größe“ dieses Autors aus. „Grossman behauptet so die Literatur inmitten des Krieges. Das Besondere an seiner Erzählkunst ist, dass er seine Situationsbeschreibung stets aus Dialogen heraus entwickelt. Immer bleibt er nahe bei seinen Figuren, psychologisiert, ohne klebrig zu sein, und wechselt dabei mühelos zwischen weiblicher und männlicher Erzählperspektive.“
Lothar Müller (SZ 11.6.) berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den neuen Roman von Grossman für sein „Hauptwerk“ halte. An Grossmanns Romanfiguren falle eines sofort auf: „Dass der Erzähler sie so ausführlich in direkter Rede zu Wort kommen lässt, in Dialogen wie in Monologen. Dieses kunstvoll unreglementierte Sprechen ist – wie das Spielen mit den Worten – das vielleicht wichtigste Scharnier zwischen dem literarischen Werk und den politischen Überzeugungen des Schriftstellers David Grossman.“ Seine Überzeugung sei es, dass der Frieden in Nahost nicht militärisch errungen werden könne. „Das ist, wohlgemerkt, bei Grossman nicht die Sprache des Pazifismus. Das Israel, in dem er leben will, braucht eine starke Armee. Aber es ist die Sprache der Verhandlungsfähigkeit, die Sprache, in der auch mit dem Feind, der Hamas, gesprochen werden kann.“
Thorsten Schmitz (SZ 11.6.) stellt darauf ab, dass Grossman im Ausland mehr geschätzt wird als in Israel. Dort sei seine Fangemeinde klein. Seine politische Haltung gälte fast als „Vaterlandsverrat“. Ein Kritiker habe etwa im Netz über die Verleihung des Friedenspreise an Grossman geschrieben: „Schlecht über Israel zu reden, wird in Europa mit 25 ooo Euro belohnt, das ist doch ein schönes Einkommen. Hut ab, Herr Grossman.“
Alex Rühle (SZ 12./13.6.) berichtet, dass Grossman in Salzburg die Literatur als das Gegenteil von Krieg erklärt habe. „Im Krieg muss ich das Gesicht des Gegners wegdenken, damit ich ihn töten kann. In der Literatur muss ich jeden Menschen ganz darstellen, den Klang seiner Stimme, seine Augen, seine Geschichte.“ Israel brauche nach Grossmans Meinung offenes Denken und durchlässige Grenzen, Grenzen zu einem palästinensischen Staat, keine Mauern zu besetzten Gebieten. „Erst wenn wir Grenzen haben, werden wir erstmals das Gefühl haben, wirklich zu Hause zu sein. Es gibt diese traurige Dimension des Judentums, wir sind die, die sich noch nie irgendwo zu Hause gefühlt haben. Selbst die unglaubliche Kraft unserer ganzen Armee verhilft uns nicht zu diesem erlösenden Gefühl.“