Der israelische Schriftsteller David Grossman kommentiert in der FAZ vom 2.6. die Militäraktion Israels im Mittelmeer, bei der neuesten Meldungen zufolge mindestens neun Zivilisten getötet worden sind und die weltweite Empörung ausgelöst hat. Grossman hat keine Illusionen über die Motive und Ziele der Organisation „Free Gaza“. Es handelt sich um Gegner Israels, die mit spektakulären Aktionen die israelische Politik desavouieren wollen, darunter Kommunisten aus Deutschland. Grossman hat auch keine Zweifel daran, dass die Hamas-Führung in Gaza den israelischen Soldaten Gilad Schalit in Haft hält, ohne dem Internationalen Roten Kreuz auch nur einen Besuch bei ihm zu gewähren. Grossman verharmlost die tausende von Raketenangriffen aus Gaza auf israelische Siedlungen nicht. Und trotzdem schreibt er: „Keine Erklärung kann das Verbrechen von Montagmorgen rechtfertigen oder reinwaschen, kein Argument kann uns die Torheit, mit der Regierung und Armee vorgegangen sind, begreiflich machen.“ Israels Regierung habe sich in eine Falle locken lassen, weil sie „zwanghaft wie eine Marionette“ reagiere. Sie greife immer wieder auf „exzessive Gewalt“ zurück. Die seit vier Jahren anhaltende Blockade des Gaza-Streifens sei nur das Resultat einer rigiden Machtpolitik, die an jedem entscheidenden Kreuzweg, „immer dort, wo Weisheit, Feingefühl und kreatives Denken vonnöten wären“, auf militärische Gewalt setze. All das daraus erwachsende Unheil scheine „Teil einer um sich greifenden Korrumpierung“ zu sein.
„Die Belagerung des Gazastreifens ist zum Scheitern verurteilt. Sie scheitert nun schon seit vier Jahren. Was bedeutet: Sie ist nicht nur unmoralisch, sie ist nicht einmal effektiv. Sie verschlimmert die Lage nur noch, wie wir in diesen Tagen wieder einmal erfahren müssen, und fügt Israels ureigensten Interessen irreparablen Schaden zu.“ Und wir könnten nicht erwarten. dass das Desaster im Mittelmeer die israelische Regierung zur Überprüfung ihrer Politik führe. Das genaue Gegenteil werde eintreten. „Der Mechanismus von Gewalt und Gegengewalt, der Kreislauf von Hass und Rache ist am Montag in eine Runde von unabsehbarem Ausmaß eingetreten. Die Wahnsinnsaktion zeigt vor allem, wie tief Israel gesunken ist.“
Diese Analyse ist schlüssig. Ein Ausweg ist nicht abzusehen. Das stürzt auch die Freunde Israels in das alte und immer neue Dilemma. Üben sie bei aller Bejahung der Existenz Israels und der Unterstützung seiner Ziele Kritik an dessen Regierung, setzen sie sich leicht dem Vorwurf aus, blauäugig oder antisemitisch zu sein. Folgen sie der israelischen Regierungspropaganda, schneiden sie sich von der Verfolgung einer Friedenspolitik, die Israels Interessen wahrt, weithin ab. Ein Dilemma, das dazu beitragen kann, dass eine militärische Katastrophe in Nahost nicht abgewendet wird. Dies wiederum stützt die Argumente derjenigen, die israelische militärische Präventivschläge, auch gegen Iran, befürworten. Eine schlimme Lage.
Vielleicht kann David Grossmans neuer Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ hier demnächst besprochen werden.
Der Spirale der Gewalt im Nahost-Konflikt entspricht eine Spirale der verbalen und zeichenhaften Provokationen, der Propaganda und der symbolbeladenen Handlungen. Auch dieser Militäraktion ging die gezielte Provokation vooraus. Die Reise der Blockadebrecher war seit dem Auslaufen ein Spiel mit dem Feuer. Man könnte zynisch sein und schreiben, wenn der eine oder andere Teilnehmer erklärten, sich in Zukunft die Mitfahrt auf einer solchen „Friedensflotte“ genau zu überlegen, sei der Einsatz der Armee nicht ganz vergeblich gewesen. Doch das verbietet sich. Aber dort mitzufahren, war eine politische Dummheit. Dies darf man schreiben, auch ohne zu wissen, wie man es besser macht.