1. In allen Diskursen spielt die NS-Vergangenheit (Holocaust, Verbrechen der Wehrmacht, Widerstand etc.) eine Hauptrolle. Das ist selbst dort der Fall, wo es auf den ersten Blick nicht nahe liegend ist. So in der Golfkriegsdebatte, wo Hans Magnus Enzensberger Saddam Hussein als Hitlers Wiedergänger apostrophiert. Oder in der Stasi-Literatur-Affäre, in der Jürgen Fuchs angesichts der Stasi-Verbrechen von einem Auschwitz in den Seelen spricht.
2. Der Antisemitismus oder der Vorwurf des Antisemitismus hat fast alle Konflikte berührt. Sehr scharf formuliert Elke Schmitter über Martin Walsers Buch Tod eines Kritikers: Was uns der Autor Martin Walser hier entwickelt, ist wohl der machtvollste Antisemitismus der an solchen Ausfällen nicht armen deutschen Geistesgeschichte: das Stereotyp des Juden, der selbst nicht schöpferisch ist, der nichts Eigenes schafft, sondern nur leiht, ergaunert, mit jüdischer Mimikry kopiert, zusammenschnorrt. der Jude als Parasit der Kultur, als erfolgreicher Imitator.
3. Die totalitären Diktaturen des Kommunismus und des Nationalsozialismus werden abgelehnt. Die Frage nach ihrem Zusammenhang bleibt gestellt. Es ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der zeitlich früheren und der zeitlich späteren der beiden Typen totalitärer Diktatur, die das Novum des zwanzigsten Jahrhunderts bilden. Zugespitzt formuliert: Hätte es ohne die Machtergreifung der russischen Bolschewiki im Oktober 1917 die Machtergreifung der italienischen Faschisten 1922 und der deutschen Nationalsozialisten im Januar 1933 gegeben? (Heinrich August Winkler)
4. Der Tod eines ukrainischen Kulakenkindes, das das stalinistische Regime gezielt der Hungersnot auslieferte, wiegt genau so schwer wie der der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime gezielt herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel. Dieser Vergleich stellt die Einzigartigkeit von Auschwitz nicht in Frage – (Stephane Courtois)
5. Die Wehrmacht kann keine positive militärische Tradition in Deutschland begründen.
6. Das deutsche Dilemma ist in zwei Sentenzen zu fassen: Nie wieder Auschwitz und Nie wieder Krieg.
7. Die Begriffe rechts und links kommen durchaus vor. Noch immer ist links die prinzipiell kritische Haltung gegenüber der Welt und, daraus resultierend, die Neigung zur Veränderung der Gesellschaft nach einem rationalen, vorgefertigten Entwurf. Links ist die Gleichheitsidee mit ihrem Anspruch, Unterschiede des Herkommens, auch der Begabung oder Leistung, nach Kräften einzuebnen und die Schwachen zu privilegieren. (Joachim Fest)
8. In den deutschen Diskursen spielen publizistische Persönlichkeiten wie Rudolf Augstein, Wolf Biermann, Günter Grass, Frank Schirrmacher und Martin Walser eine überragende Rolle.
9. Das deutsche Nationalgefühl hat eine vielfach gebrochene Identität. Es ist der plurale Nationalismus der Konfliktgesellschaft. (Karl Otto Hondrich)
10. Die Meinungsfreiheit ist wohl das höchste Menschenrecht. Es ist in Deutschland durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gut geschützt. Und in den deutschen Diskursen herrscht eine große Meinungsvielfalt.
11. Ich bin der Meinung, Deutschland hat historisch seine Bewährungsprobe noch nicht bestanden. Vieles hat sich in den letzten fünfzig Jahren in die richtige Richtung entwickelt, und vieles spricht auch dafür, dass wir ein anderes Volk geworden sind. Aber für mich ist der Beweis, ob Deutschland wirklich freiheitsfähig ist, im umfassendsten Sinn noch nicht erbrecht. (Mathias Döpfner)
12. Erst wenn die kommunistische Diktatur den Deutschen auch so präsent ist wie das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten, ist die Aufarbeitung des SED-Unrechts gelungen. (Hubertus Knabe)
13. Insgesamt ist in den 20 deutschen Diskursen eine deutliche Entwicklung abzulesen (1949, 1968, 1989). Das liegt nicht zuletzt an der Krise des Konservatismus nach 1945, von der er sich nie ganz erholt hat. Deutschland ist endgültig ein Teil des Westens, der Kultur der Meinungsfreiheit, der Streitkultur und des Pluralismus geworden.