Das Kommando Otto Weininger ist nicht im publizistischen Bürgerkrieg.

Helene Hegemann wendet sich Anfang Mai 2010 in der „Zeit“ an ihre Kritiker, die im sich im Januar und Februar in zum Teil schrillen Tönen einen heftigen Streit um ihren Roman „Axolotol Roadkill“ geliefert haben. Die achtzehnjährige Autorin nimmt wieder kein Blatt vor den Mund. Sie sieht in den Kritikern eine Meute aus übelgelaunten Menschen, die aus dem Roman „machen, was sie wollen, und währenddessen mit Dartspfeilen auf in ihrem Büro angebrachte Fotos von mir zielen“. „Der von mir nie verheimlichte Tatbestand, dass eine in der Literatur seit Jahrhunderten nicht unübliche Anzahl von Sätzen in meinem Buch woanders schon mal so ähnlich stand, wurde zu einer handfesten Möglichkeit, mich 1. nicht ernst zu nehmen, 2. beleidigen zu können und 3. wildeste Spekulationen als nachgewiesene Tatsachen auszugeben.“

Diese Entnahmen umfassten ca. eine einzige von 206 Buchseiten. Das sei durch das vom Ullstein Verlag herausgegebene und vom SuKuLTur-Verlag abgesegnetes Quellenverzeichnis für jeden nachvollziehbar, der es nachvollziehen wolle. Tatsächlich handle es sich wohl um Konkurrenz. Außerdem gehe es in dem Roman nicht um „diese reaktionäre Aufrechterhaltung des Kinder-Erwachsenen-Rassismus“. Wenn es überhaupt um eine Grenze gehe, „und das muss ja in einer alles und jedem bestimmte Wertesysteme und Raster überstülpenden Gesellschaft“, gehe es um eine Grenze, „die sich durch jeden Menschen zieht“. Und um eine Gruppe von Leuten, „die ihr Leben dieser Grenze, diesem Riss, dieser Widersprüchlichkeit verschreiben“. Sie lehnten es ab, sich unter „normal“ oder „asozial“ oder „verwahrlost“ einordnen zu lassen. Eine Variation des Themas „Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“?

Tobias Rapp findet „Aolotl Roadkill“ im „Spiegel“ „radikal, sperrig, unfertig und streckenweise unlesbar“. Das Buch lebe allerdings von einer Atmosphäre, nicht von einer Geschichte. „Von dem Gefühl existentieller Leere, die seine Protagonisten mit Exzessen bekämpfen.“ Rapp beschäftigt sich mit der Familiengeschichte der Autorin, die fast überall sehr breit behandelt worden ist. Kennzeichen der Boheme sei eben auch, dass sich Selbstverwirklichung schlecht mit der Verantwortung für andere vertrage.

Höchstes Lob zollt Mara Delius in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Roman sei ein „hartes, brutales, vulgäres Buch. Es ist die Geschichte einer Sechzehnjährigen, der Sex, Gewalt und Drogen die einzige Abwechslung in ihrem Leben bieten, das schon am Ende scheint, bevor es richtig angefangen hat.“ Hegemann verfüge über eine ungeheuerliche „erzählerische Kraft“. Ihre Botschaft bestehe darin zu wissen, „was ich will: nicht erwachsen werden“. Es handle sich um einen Fall von „Wohlstandsverwahrlosung“, der ganz normal sei, wenn die Mutter tot und der Vater „eines dieser linken durchsetzungsfähigen Arschlöcher ist“. In dem Roman streite man sich über Foucault, Feminismus und die Furunkel am Hintern von Karl Marx. Die Protagonistin des Romans, Mifti, schreibe in ihr Tagebuch: „Ich traue mich nicht an morgen zu denken, ich traue mich eigentlich überhaupt nicht zu denken. Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist, es sind so viele Gedanken da, dass man seine eigenen gar nicht mehr von den fremden unterscheiden kann.“ Aha. Delius zeigt, dass Hegemann vieles aufgesogen und gebündelt hat und „in etwas ganz Neues, Unerhörtes verwandelt, in den Ansatz zu einer Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist“.

Das sieht Maxim Biller sehr ähnlich, der uns wöchentlich mit seinen „Moralischen Geschichten“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erfreut. „.. jetzt ist wieder ein Roman da, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte“. Die Moral des Romans bestehe darin zu zeigen, dass die Erwachsenen ihre Kinder heute noch mehr verrieten als alle Erwachsenen zuvor. Biller ist der biografische Hintergrund von Hegemann angeblich völlig egal. „Denn die Aufrichtigkeit, mit der Mifti und die anderen sich selbst zerstören, hat eine Schönheit, eine Poesie, die möglicherweise mit der Wirklichkeit zu tun hat – aber vor allem mit dem ungeheuren literarischen Talent von Helene Hegemann. Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade – und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab: …“ Es handle sich um „große, unvergessliche Literatur“. Ein so hohes Lob beschäftigt uns noch.

Willi Winkler dagegen, einer der besten Dekonstrukteure des deutschen Feuilletons, schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“, „das junge Ding“ sei von der Kulturindustrie „in die Medien geschickt“ worden und könne nun nichts dafür, darin umzukommen, es sei ja erst siebzehn Jahre alt und könne „es nicht besser“. Jürgen Kaube in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ macht Witze über das „junge Célinchen“ und nimmt an, dass ihm der Vater die Feder geführt haben könnte. Und für Thomas Steinfeld in der „Süddeutschen Zeitung“ ist es offensichtlich, „dass die Autorin weder über die Erfahrung noch über die Sprache verfügt, um überhaupt einen Roman schreiben zu können“. Er zitiert: „Ich kann das nicht ausdrücken, denn ich habe keine Ausdruckswaffen mehr, sondern nur eine dunkel über meiner Existenz thronende Aufnahmefähigkeit, die nicht ausgeschaltet werden kann und mein komplettes Innenleben in verknotete Wurstbindfäden verwandelt hat.“ Hier spricht ja die Autorin selbst, sie ist also nicht ausdruckslos, sondern problematisiert ihr Ausdrucksvermögen.

Das hat Steinfeld wohl übersehen. Für ihn ist „Axolotl Roadkill“ „keine Literatur, sondern Pornographie“. Und dazu bewegt ihn das häufige Auftauchen von „Ficken“, „Saufen“, „Kotzen“, „Scheißen“ und „Kiffen“. Irritiert ist er auch von Sätzen wie dem folgenden, der in dem Roman ohne Verbindung zu dem auftauche, was vor und nach ihnen stehe. „Mir bereitet es keine Schwierigkeiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf dem Parkplatz.“ Das ist nicht ganz neu in der Literatur, aber angesichts der umfassenden Missbrauchsdebatte in der Gesellschaft gegenwärtig wohl schwer zu verkraften. Aber spricht nicht der Erfolg des Romans dagegen? Welche Gründe sind es, die einige anerkannte Kritiker dazu bringen, Hegemanns Roman über den Klee zu loben? Haben sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern?

Iris Radisch, die uns schon manchmal reinen Wein eingeschenkt hat, macht in der „Zeit“ aus dem Streit eine Angelegenheit der „Frauenförderung“. Es stünden sich zwei „Medienkulturen“ gegenüber, die „bisher wie zwei luftdicht verschlossene Monaden nebeneinander existierten: die eine nahezu rein männlich, akademisch legitimiert und schon etwas in die Jahre gekommen, die andere ein wenig jünger, ein wenig weiblicher und viel autodidaktischer; beide hoch spezialisiert und jede auf ihre Weise betriebsblind für die andere“. In unserem Fall stört Radisch der „misogyne Ton“ des männlichen Establishments. „Die Komplettauslöschung der jungen Autorin wird dem Kommando Otto Weiniger, das sich gegen Helene Hegemann im Feuilleton zusammengefunden hat, indes nicht gelingen.“

Hegemanns Vergehen bestehe doch nur darin, „das Chaos und die Bedenkenlosigkeit einer noch nicht hierarchisierten, noch nicht durch Männerkartelle kontrollierten Medienkultur in den Machtbereich der alten literarischen Leitkultur überführt und dabei eine ziemlichen Auffahrunfall provoziert zu haben“. Radisch sieht tatsächlich einen „Kulturkampf“ zwischen den alten Herren und dem jungen Mädchen. Wenn die „männliche Hochkultur“ für Eindringlinge in Gestalt von jungen widerspenstigen Frauen nicht mehr zu sprechen sei, „ist es schon jetzt mit ihr vorbei“. Ganz so weit sind wir wahrscheinlich noch nicht. Aber was würde eine radikal feministische Sprecherin zu „Axolotl Roadkill“ wohl sagen?

Natürlich sind im Fall Helene Hegemanns die vielen Auseinandersetzungen über Plagiate und vermeintliche Plagiate zur Sprache gebracht worden (Thomas Mann, Bertolt Brecht, Paul Celan, Elfried Jellinek u.a.). In der „Zeit“ legt der Literaturwissenschaftler Jürgen Graf mit hinreichender Klarheit dar, dass Hegemann wie andere Montageautoren auch Wörter, Floskeln, Slogans und Sätze aus den Medien nimmt und sie nahtlos in ihren Wortfluss integriert. „Dass es sich um einen Montagetext handelt, signalisiert sie von Anfang an.“ Dies gäbe schon der dem Roman vorangestellte ProSieben-Slogan „We love to entertain you“ dem geübten Leser zu erkennen. Dann kommt der zentrale Satz eines Protagonisten, der das poetische Konzept von Hegemanns Text ausspreche: „Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde. (…) Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.“ Graf arbeitet heraus, dass Hegemann mit ihrer „ironisch-distanzierten Erzählstimme“ ständig die Authentizität der eigenen Feststellungen unterlaufe. Das ist kein Hinter’s-Licht-Führen.

Für Burkhard Müller in der „Süddeutschen Zeitung“ nimmt Helene Hegemann „die Vogelfreiheit der Blogosphäre für sich in Anspruch, wo ein neuer Urkommunismus des Geistes herrsche – und lässt das Ergebnis unter ihrem eigenen Rechts- und Namenstitel laufen“. Bei Dirk von Gehlen steht der Fall Hegemann nicht für die Krise der Mashups oder für eine Aufweichung des Plagiats-Begriffs. „In der Krise ist einzig eine Idee, auf der der Starkult, der um die mittlerweile Achtzehnjährige betrieben wurde, beruht: Das schriftstellerische Genie, das literarische Wunderkind, das alleine in der Dichterstube sitzt und gottgleich Kunst erschafft, ist eine Erfindung der jubelnden Literaturkritik, mit der schöpferischen Realität des 21. Jahrhunderts ist diese Vorstellung kaum mehr vereinbar.“ Feridun Zaimoglu gibt zu bedenken: „Ich sage nichts über die Qualität des Buches. Mir geht es nur darum, dass jeder Maßstab verloren gegangen ist. Man kann das Buch gut finden, aber der Punkt, an dem für mich das Lob nicht mehr in Ordnung ist, wird erreicht, wenn man darüber jene abwertet, die um jedes Wort in ihren Büchern kämpfen.“

Volker Hage verweist auf die Querelen, die es um Thomas Manns „Doktor Faustus“ (1947) gegeben habe, wo der Autor ebenfalls auf viele Quellen zurückgegriffen habe. Deshalb habe er 1949 den Essay „Die Entstehung des Doktor Faustus“ nachgeschoben. Und Hage macht klar, dass es für die Qualität von Literatur keine Rolle spielt, ob der Autor das, was er schildert, am eigenen Leib erfahren hat oder nicht. „Das gilt aber auch umgekehrt: Das Erdachte und Fiktive ist nicht in jedem Fall einem wahrheitsgetreuen Bericht ästhetisch überlegen. Eine autobiografische Erzählung kann große Literatur sein, ein Roman voll ausgedachter Erlebnisse unbedeutend.“ Literatur habe ihre eigene Wahrheit. „Sie ist authentisch, wenn der Leser in die Geschichte, die erzählt wird, hineingezwungen wird, wenn die Person, deren Leben im Zentrum steht, zum Vergleich der Erfahrungen und Erlebnisse herausfordert.“

Schließlich hebt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit „’’Plagiat’’“ von Durs Grünbein einen Text ins Blatt, der zu „neunundneunzig Prozent“ von Gottfried Benn stammt. Der hat 1926 Rahel Sanzaras Buch „Das verlorene Kind“ in der „Vossischen Zeitung“ gegen den Vorwurf verteidigt, dass die Autorin sich einer dokumentarischen Sammlung von Kriminalfällen aus dem neunzehnten Jahrhundert bedient und damit ein Plagiat begangen habe. Für Grünbein hat Benn Rahel Sanzara, ganz kollegialer Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle, einen großen Dienst erwiesen. Der Fall sei mit dem Rechtsstreit um Andrea Maria Schenkels Krimibestseller „Tannöd“ 2009 vergleichbar. Dann greift der Dichter einmal zum schweren Säbel: „Der wahre Rassismus tobt sich augenscheinlich heute zwischen Jung und Alt aus, zwischen vitalen Welpen kultur-konservativem Friedhofsgemüse. Wenn man so weitermacht, hat man bald den schönsten publizistischen Bürgerkrieg.“ Nun, Übertreibungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, wahrgenommen zu werden. Das sehen wir auch bei Helene Hegemann.

Was wir hier vor bzw. hinter uns haben, ist kein publizistischer Bürgerkrieg, sondern der Roman einer sehr begabten und sprachmächtigen jungen Autorin, die sich gekonnt verschiedenster Quellen bedient. Hilfe von einem kollegialen Kavalier wie Gottfried Benn hat sie nicht nötig. Sie würde sich diese Hilfe wohl verbitten. Sie hat kein Plagiat begangen, sondern eindrucksvoll montiert. Das Lob von alten Männern und alten Frauen ist möglicherweise so zu verstehen, dass diese noch dazugehören, mit den Wölfen heulen wollen, so gegen ihr Altern ankämpfen. Hegemanns Gegenstand ist das gegenwärtig so weit verbreitete Milieu der Wohlstandsverwahrlosung, in dem sie sich anscheinend sehr gut auskennt. Und einige von uns auch. Sie liefert damit Einsichten in die Bewegung unserer Gesellschaft, über die nicht alle verfügen. Insbesondere die nicht, die nicht ständig vom „Ficken“, „Kotzen“ und „Saufen“ lesen wollen. Einmal aber darf es sein. Insofern liefert uns Helene Hegemann literarisch sehr anregend Erkenntnisse und vor allem Selbsterkenntnis. Keine geringe Leistung.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.