Angesichts der Wahlerfolge der rechten Republikaner wie Sarah Palin bei den US-Kongresswahlen werden erneut Stimmen laut, die verlangen, dass im politischen Diskurs, stärker zwischen guten und schlechten Argumenten, zwischen fundiertem Wissen und bloßer Meinung unterschieden werden müsse (so Benjamin Barber in der SZ vom 4./5.12.). Diese so verständliche und sympathische Forderung erinnert uns an das Trennungsgebot bei Nachrichten und Meinungen im Journalismus, die wir in Deutschland 1945 ausgerechnet von den USA und Großbritannien übernommen haben. Leider geht sie fehl.
Zwar wird kein gebildeter Mensch bestreiten, dass der Kreationismus keineswegs auf die gleiche Stufe mit der Evolution gestellt werden kann. Kein Wissenschaftler bestreitet, dass wir uns in der Wissenschaft auf Kriterien einigen müssen, nach denen wir „Wahrheit“ definieren und dass Wissenschaft falsifizierbar sein muss. Obwohl es schon hier sehr schwerfällt, sich zu einigen (wie kämen sonst die vielen sich widersprechenden Gutachten zustande, die dem gleichen Gegenstand gewidmet sind). Wie uns aber der Konstruktivismus zeigt, arbeitet unser Gehirn ständig daran, unser überwiegend unbewusst gesteuertes Verhalten vor uns und anderen zu legitimieren. Deswegen fabrifizieren wir ständig Gegebenheiten, um Vorurteile und „Wirklichkeit“ aufeinander abzustimmen. Das Thomas-Theorem besagt, dass das, was wir als wirklich definieren, uns hinterher dann auch als „wirklich“ erscheint. Unsere Konstruktionen von Wirklichkeit sind indifferent gegen Fakten. Und insofern haben wir wenig Chancen, uns mit Argumenten gegen die Dummheit von Sarah Palin durchzusetzen, auf die sie anscheinend auch noch stolz ist. Wenn der politische Wille nicht vorhanden ist, sich dem besseren Argument zu beugen, kommt es darauf an, für Abstimmungen die Mehrheiten zu organisieren. Und die haben mit der Wahrheit auch nichts zu tun (vgl. die einleitenden Statements in diesem Blog).
So kann ein „Philosoph“ wie Peter Sloterdijk (Thomas Wagner in der SZ vom 6.12.) den Vorschlag machen, das Steuersystem abzuschaffen und das Gemeinwesen alleine durch freiwillige Spenden der Wohlhabenden zu finanzieren. Hier hilft es nichts, Sloterdijk vorzuhalten, dass seine Staatsdefinition mehr als merkwürdig ist und dass er schon gar keinen brauchbaren Begriff vom Sozialstaat hat. In seinem Ansatz hat Sloterdijk Recht.
Trotzdem oder gerade deswegen dürfen wir nicht nachlassen in unseren Bemühungen um politische Bildung. Sie zu fördern bleibt eine der vornehmsten Aufgaben unseres Bildungssystems. Ihre Erfolge sind an der Entwicklung der Bundesrepublik zu erkennen. Dies dürfen wir nicht auf’s Spiel setzen.