In den hochkorrupten südamerikanischen Staaten haben die dort massenhaft vorkommenden Armen gewiss schon genug zu leiden. Für diese Verhältnisse steht der neue Papst Franziskus, der sie gut kennt und der sie abschaffen will. Sportliche Großereignisse wie Fußballweltmeisterschaften (2014) und Olympische Spiele (2016) verschärfen den Klassenkampf und die Teilung der Gesellschaft.
Das erläutert in einem Interview mit Thomas Kistner (SZ 5.7.13) Chris Gaffney. Der US-Amerikaner ist Professor für Architektur und Straßenbau in Brasilien und einer der Köpfe des Widerstands, der den Confed-Cup begleitet hat.
SZ: Was ist passiert im Land während der zwei Confed-Wochen?
Gaffney: Die Versprechen der wirtschaftlichen Entwicklung blieben unerfüllt. Ja, es gibt höhere Konsum-Standards, man kann sich vieles kaufen. Aber in der Mittelklasse muss man dafür doppelt bezahlen, wenn man sich aus dem miserablen öffentlichen System lösen will: für die Privatschule, die private Sicherheit, für das Auto, weil der öffentliche Verkehr nicht funktioniert. Habe ich dann ein Auto, habe ich keine Straße.
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SZ: Welche Rolle spielt die Fifa in dem Prozess – übt sie eine Kolonialmacht aus, wie es öfter heißt?
Gaffney: Ja, absolut. Aber sie fand führende Kräfte in Wirtschaft und Politik, die ihr bereitwillig den Boden bereiten. Die Fifa ist die Kolonialmacht in dieser Zeit. Sie hat die Errichtung einer Parallelregierung verlangt, das ist nun das WM-Organisationskomitee. Dann gibt es das WM-Gesetz, es ändert nationales Recht und ermöglicht Ausnahmen. Dann ist da der Veranstalter-Vertrag, der alles an die Fifa übergibt. Die Fifa sammelt hier 3,5 Milliarden Dollar ein, zieht weiter und hinterlässt teils privatisierte Stadien und Räume, die keinen funktionalen Sinn mehr haben.
SZ: Erwarten Sie noch heftigeren Widerstand gegen die Fifa, wenn die 2014 zur WM zurückkehrt?
Gaffney: Ich hoffe es. Blatter sagt, er wolle Brasilien 100 Millionen Dollar zurückgeben – das ist nichts, gemessen am Profit von 3,5 Milliarden Dollar. Die Fifa wird das Volk schon überzeugen müssen, dass sie Gutes tut.
SZ: Glauben Sie, das interessiert die Fifa?
Gaffney: Nein. Ich glaube, dass sie sehr glücklich ist, anschließend nach Russland und Katar gehen zu können – und nicht nach England und in die USA zu müssen.
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SZ: Wie wird Rio nach diesen zwei Events aussehen, in, sagen wir: zehn Jahren?
Gaffney: Kaputt. Mit einem Transportsystem, das kein Netzwerk hervorgebracht hat. Die Steuern werden höher sein. Die Unterschiede zwischen den Schichten werden wachsen. Man wird die Konsolidierung der Olympiastadt sehen, die im südlichen Teil attraktiv, sonnig und sexy sein wird. Der restliche Teil der Stadt wird gewissermaßen vergessen sein: demobilisiert, arm, gewalttätig, mit schmutzigen Stränden.