391: Noelle-Neumann ehedem eine „begeisterte Nationalsozialistin“

Es ist unter Kundigen seit langem kein Geheimnis, dass Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010), die seit 1964 Professorin für Publizistik in Mainz war, in der Wissenschaft, die sich mit Massenmedien beschäftigt, der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, nach 1945 eine beherrschende Rolle eingenommen hat. Das galt auch für die Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland (Institut für Demoskopie in Allensbach). Bekannt ist ebenso die enge Zusammenarbeit zwischen den Regierungen Konrad Adenauers, der CDU und dem Institut für Demoskopie. 1964 wurde Noelle-Neumann unter der Protektion Helmut Kohls Professorin in Mainz. Dies ist unbestreitbar und zugleich keineswegs ehrenrührig, denn auf der anderen politischen Seite wird bekanntlich genau so verfahren. Noelle-Neumann hatte eine große Zahl von Schülern, die im Fach sehr erfolgreich waren und sind und bis heute dort eine Dominanz ausüben. Da die Zeiten der Sippenhaft aber vorbei sind, können die Noelle-Schüler für das Verhalten ihrer Lehrerin nicht verantwortlich gemacht und müssen an ihren eigenen Leistungen gemessen werden.

Während aber bei anderen Hochschullehrern in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wie Franz Ronneberger und Wilmont Haacke die Nazi-Vergangenheit jedenfalls partiell aufgearbeitet worden ist, fehlt eine solche Aufklärung im Fall Elisabeth Noelle-Neumanns. Zwar hat es vereinzelte Ansätze dazu gegeben, aber ein geschlossener und schlüssiger Versuch dazu fehlte bislang. Ja, ich hatte manchmal den Eindruck, dass das durchaus vorhandene Anti-Noelle-Neumann-Lager nicht den Mut hatte, die mächtige Frau anzugehen. Von einzelnen Thesen aus den USA einmal abgesehen. Denn dass eine Frau, die 1940 von Emil Dovifat mit einer Arbeit über die Demoskopie in den Vereinigten Staaten promoviert worden war, ein Opfer des Nationalsozialismus war, wie sie es selbst stets darstellte, musste als unbedingt unwahrscheinlich gelten. Nun hat der Politologe Jörg Becker mit seinem Buch

Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Paderborn (Schöningh) 2013, 375 S.; 34,90 Euro,

den Versuch unternommen, Elisabeth Noelle-Neumann umfassend zu würdigen. Becker hat Politikwissenschaft in Marburg (auch zur Zeit der Hypothese vom staatsmonopolistischen Kapitalismus) und Innsbruck gelehrt. Er hat in geringerem Umfang bisher nicht erschlossene Quellen ausgewertet. Und er kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass Noelle-Neumann (geb. 1916) mindestens in ihrer „Jugend“ eine „begeisterte Nationalsozialistin“ war. Dies beschreibt er auch in einem Beitrag zur Wochenzeitung „Die Zeit“ (18.4.2013). Darin zitiert er die Erkenntnis der US-Militärregierung in Deutschland: „Dr. Elisabeth Noelle-Neumann war immer eine Anhängerin des Hitler-Regimes. Ihre Veröffentlichungen in den Frankfurter Zeitungen sind bei den Akten und enthalten reines Nazi-Gift.“ Weiter: „Am Ende des Krieges hielt Dr. Noelle-Neumann beim Verhör durch den Unterzeichneten an eben diesen ideologischen Prinzipien fest.“

Elisabeth Noelle arbeitete im Nationalsozialismus als Journalistin. Sie hatte niemals ein Schreibverbot. Sie schrieb u.a. für Goebbels Wochenzeitung „Das Reich“, in dem der Propagandaminister selber Leitartikler war (25 Beiträge), und für die „Frankfurter Zeitung“, die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ und andere Naziblätter. Teilweise war dort auch ihr späterer Mann Erich Peter Neumann als Kriegsberichterstatter tätig. Unverhohlen äußerte sich Elisabeth Noelle – dem Geist der Zeit entsprechend – antisemitisch. Da „konzentrierten die Juden ihre demagogischen Fähigkeiten auf die Deutschlandhetze“. Noelle führte viele Interviews mit dem „kleinen Mann“ und war so über die Stimmung in der Bevölkerung sehr gut informiert. 1936 war Noelle Zellenleiterin der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen, seit 1935 war sie Mitglied im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, 1937 trat sie der Nationalsozialistischen Studentenkampfhilfe bei. Sie gehörte zur Berliner Gaustudentenführung, wozu sie von Goebbels als Gauleiter von Berlin ernannt worden war. Alles Indizien, wenn auch keine Belege für üble Nazi-Aktivitäten. In ihrer Zeit im Deutschen Akademischen Austauschdienst 1937/38 zeigte sie sich als gehorsame Nationalsozialistin. 1942 nahm die Darstellung ihrer NS-Propaganda-Arbeit eine ganze Seite in dem in London erscheinenden Buch „The Goebbels Experiment“ ein. Der Autor war der jüdische Emigrant Arthur Georg Weidenfeld, der heutige Lord George Weidenfeld.

Noelles Engagement für Führer und Reich schadete ihr nach 1945 in Deutschland gerade nicht. Unterstützt wurde sie u.a. von dem Tabakindustriellen Philipp Reemtsma, der ein Duzfreund von Hermann Göring gewesen war. Er verwandte die Ergebnisse des Instituts für Demoskopie für seine Lobbyarbeit. Auch andere Nazis vergaben Aufträge an das Allensbacher Institut. In ihrer Entnazifizierungs-Bescheinigung wurde Noelle-Neumann als „Mitläufer-Begünstigte“ eingestuft. Sie besorgte sich eine englische Übersetzung, in der sie wundersamerweise als „unbelastet“ auftauchte. Schließlich gaben auch die USA und einzelne dortige Universitäten ihren Widerstand gegen Elisabeth Noelle-Neumann auf. Die Regierung Adenauer unterstütze das Institut für Demoskopie großzügig. 1953 schickte Erich Peter Neumann 85 Lautsprecherwagen für die CDU durch’s Land, welche die gleiche antikommunistische Propaganda machten wie das NSDAP-Mitglied Neumann (Nr. 4 316 797) es in seiner Potsdamer Ausbildungskompanie für den Einsatz an der Ostfront gelernt hatte. Der Wahlsieg der Union 1953 wurde zum Triumph. „Der Spiegel“ hob Elisabeth Noelle-Neumann auf seinen Titel.

Ab 1964 folgte dann die steile Karriere als Ordinaria für Publizistik in Mainz. 1980 erschien Noelle-Neumanns Hauptwerk „Die Schweigespirale“, in dem sie die These vertrat, politisches Verhalten werde in erster Linie von Isolationsfurcht bestimmt. Eine plausible Hypothese, die nichts mit NS-Gedanken zu tun hat. Jörg Becker schießt auch über’s Ziel hinaus, wenn er Noelle-Neumanns Satz von 1996 „Wer eine größere Zahl von Menschen beherrschen und lenken will, ist zum Mehrzahldenken gezwungen, und umgekehrt: Denken im Mehrzahlbereich ermöglicht die Machtausübung“ als undemokratisch versteht. Es ist nicht sinnvoll, Noelle-Neumanns Arbeit nach 1945 zwanghaft mit der Tatsache in Verbindung bringen zu wollen, dass sie vor 1945 Nazi war.

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