351: Don Camillo und der Sportbetrug

Holger Gertz (SZ 9./10.2.13) hat, um sich die Frage beantworten zu lassen, warum wir trotz Betrug und Korruption so am Sport hängen, Gunter Gebauer gefragt. Er ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie in Berlin. Und Anhänger von Holstein Kiel. Martin Walser hat er schon widerlegt, der den dummen Satz formuliert hat

„Nur eines ist sinnloser als Fußball: das Nachdenken über Fußball.“

Walser, den wir in diesem Zusammenhang als einen lebensfremden Intellektuellen erleben, ist eben nie und nirgends und weder aktiv noch passiv in einen produktiven Kontakt mit dem Fußball gekommen. Er ist in dieser Frage ahnungslos. Das sehen wir ihm nach, solange er sich über Fußball nicht äußert.

Das ist bei Gunter Gebauer ganz anders. Von ihm stammt das lesenswerte Buch „Poetik des Fußballs“. Der an der klassischen griechischen Philosophie gebildete Wissenschaftler meint, Fußball sei keine humanitäre Angelegenheit und lasse deswegen so tief blicken. In das Verhaltensrepertoire von Menschen.

Für Gertz reißen die Schreckensmeldungen über die Verderbtheit des Leistungssports nicht ab, fast jeder Tag beginnt mit der Botschaft von einer neuen Sauerei.

Gebauer sieht den Grund dafür, dass wir immer noch hinschauen in der Faszination der Bilder, die wir gezeigt bekommen (das gilt dann ja wohl seit es das Fernsehen gibt). „Das Publikum liebt erst mal den Augenschein. Und der wird ja geboten. Es gibt immer noch genug Leute, die diese Komödie zwischen Verdacht, Können und Fake genießen. Die sagen: Ich habe meine wunderbaren Bilder gehabt, mir sind Emotionen geschenkt worden. Und im Nachhinein ist es mir egal, ob das wirklich war, oder nur eine Theaterveranstaltung auf höchstem Niveau. Die Bilder der Sieger habe ich gesehen, auch die der tränenreichen Verlierer. Das hat mich berührt, und das reicht mir. Was danach passiert, kriege ich nicht mehr mit. Das erledigt die Administration, die ähnlich wie bei Kafka hinterher kommt und den Angeklagten still und heimlich in einem Waldstück erledigt.“

Für Gebauer gibt es eine Art gemeinsames Erleben bei Zuschauern und  Sportlern. Momentaufnahmen und Geräusche. „Der menschliche Lärm macht das Unglück erträglicher, das Glück auch.“ Der Sportler ist bereit zu betrügen, um diese Augenblicke erleben zu können. Der Zuschauer ist bereit, den Betrug zu vergessen – oder darüber hinwegzusehen, solange es geht.

Gertz beschreibt dann das Bild von Florence Griffith-Joyner. „Die amerikanische Sprinterin hatte schwarze Haare, ihre Fingernägel waren 16 Zentimeter lang. Eine Frau wie eine Figur aus dem Comicland, Kampfname Flo-Jo; ein Wesen, das mehr flog als rannte. 10,49 Sekunden über 100 Meter. Weltrekord. Das ist das Bild. Die Geschichte dahinter stand Jahre später in den Zeitungen. Schlaganfall, epileptischer Anfall im Schlaf, Versteifung ihrer Gliedmaßen, der Kopf im Krampf ins Kissen gedrückt. Sie ist wohl erstickt, mit 38 Jahren.“

Für Gebauer haben Verbände und Anti-Doping-Agenturen kein Interesse daran, dass der Betrug auffliegt. „Der Sport ist zu mächtig geworden. Den kann man nicht einfach sterben lassen jetzt. Klar könnte man sagen: schaffen wir das doch alles ab. Aber geht das? Wir schaffen auch nicht Geld ab, weil man mit Geld Verbrechen bezahlen kann.“ Gebauer verdächtigt in hohem Maße spanische Sportler. Etwa die Fußballer von Real Sociedad San Sebastian, bei denen einmal Xabi Alonso spielte, der heute mit der spanischen Nationalmannschaft alles gewinnt, die Tennisspieler, die Handballer.

Und die Menschen seien nicht alle gleichermaßen erschüttert über den Sportbetrug. Die Menschen im protestantischen Norden vielleicht, in Deutschland, Skandinavien und Großbritannien. Aus diesen Ländern stamme ja auch der investigative Journalismus, der schon sehr viel aufgedeckt habe. In Spanien dagegen habe man im Prozess gegen Eufemio Fuentes sehen können, dass dem Staat gar nicht an Aufklärung gelegen war. „Spanien ist ein katholisches Land. Im Katholizismus gibt es dieses sozusagen ironische Augenblinzeln, nicht nur in Spanien, auch in Italien. So ein bisschen die Tradition von Don Camillo.“

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