291: Blutdoping in Erfurt bis 2011 kein Doping/“Systematisches Doping“ in Westdeutschland 1970 bis 1990

Es kann der Eindruck entstehen, dass im deutschen Sport kaum Interesse besteht, Doping zu erkennen.

In der „Causa Erfurt“ hat ein Richter des Sportschiedsgerichts in Köln, der von der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) ernannt worden war, entschieden, dass das Abzapfen von 50 Milliliter Blut, seine Bestrahlung mit UV-Licht und die Zurückführung in den Körper bis 2011 kein Doping war. Erst seit 2011 steht diese Methode als verboten im Code der Welt-Antidoping-Agentur Wada (Claudio Catuogno, SZ, 7.11.12). Der Erfurter Mediziner Andreas Franke hatte sie bei 30 deutschen Sportlern bis 2011 angewandt. Das ist seit Anfang 2011 bekannt.

Viele Fachleute sind allerdings anderer Meinung als der in Köln tätige Richter. Im Juni 2012 war der Wada-Generaldirektor David Howman zweimal nach Deutschland gereist, um festzustellen, dass es sich bei dieser Methode um Doping handelt. Mittlerweile haben sich Nada und Wada geeinigt, dass es bis 2011 kein Doping war. Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) Clemens Prokop dazu: „Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass die Nada erleichtert ist.“ Prokop meint, dass wir nun mehr Rechtsunsicherheit haben. Die Nada prüft, ob sie den Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne bringt.

Die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Auftrag gegebene Studie über Doping in Deutschland bis 1990 ist gescheitert. Zuletzt wurde anscheinend sogar Geld für die Untersuchung zurückgehalten. DOSB-Generaldirketor Michael Vesper: „Ich will einen belastbaren Bericht und keinen Kriminalroman.“ Die mit der Untersuchung beauftragte Berliner Forschergruppe um Giselher Spitzer und Erik Eggers ist allerdings vollkommen anderer Meinung als Vesper. Eggers: „Von wegen Kriminalroman. Knochentrockener kann unser Abschlussbericht gar nicht sein.“ Aber die Ergebnisse dürfen nun nicht veröffentlicht werden. Spitzer und sein Team hatten schon mit dem ersten Zwischenbericht im Herbst 2011 für Aufsehen gesorgt, als sie feststellten, dass es in Westdeutschland von 1970 bis 1990 ein

„systematisches Doping“

gegeben habe. Willi Daume, dem langjährigen NOK-Chef und Vorgänger Thomas Bachs im IOC, warfen die Wissenschaftler sogar „billigende Mitwisserschaft“ vor. Die Forschergruppe kam außerdem zu dem Ergebnis, dass drei deutsche Fußballnationalspieler 1966 bei der Weltmeisterschaft in England mit Ephedrin gedopt gewesen seien. Der Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) Jürgen Fischer machte den Datenschutz und Persönlichkeitsrechte dafür verantwortlich, dass die Studie nicht veröffentlicht werden darf (SZ 8.11.12).

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