Max Mosley kämpft gegen Google. Er will das Unternehmen zwingen, eine Reihe von Bildern automatisch aus seinen Suchergebnissen herauszufiltern und seine Nutzer nicht mehr zu den Internet-Seiten zu führen, auf denen diese Bilder stehen. Mosleys Anwälte argumentieren, dass dann, wenn Google mithelfen würde, diese Bilder bald verblassten und untergingen in den vielen Bildern im Netz (Heinrich Wefing „Die Zeit“, 4.10.12). Die Bilder waren 2008 von der britischen Zeitung „News of the World“ publiziert worden. Sie zeigen den damaligen Rennsportfunktionär Mosley beim Sex mit mehreren Frauen. Mosley sieht darin einen unzulässigen Eingriff in seine Privatsphäre. Er hat von dem Blatt 75 000 Euro Schadensersatz bekommen. Die Bilder, welche die meisten von uns doch wohl schon vergessen hatten, sind durch den Prozess im Hamburger Landgericht wieder in aller Munde.
„News of the World“ gibt es ja nicht mehr. Das Blatt aus dem Konzern von Rupert Murdoch wurde eingestellt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Zeitung die Handys von mehreren Politikern, PR-Beratern und Journalisten gehackt hatte. Presse der übelsten Sorte also. Aber Google weigert sich. Der Konzern sieht sich als Suchhilfe seiner Nutzer und nicht als Kontrolleur des Netzes und schon gar nicht als Bösewicht. Der deutsche Anwalt von Google vor dem Hamburger Landgericht spricht von Zensur. Hier geht es wohl um die grundsätzliche Bedeutung von Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechten im Netz.
Mosley sagt, dass die Bilder einfach nicht verschwänden. Sobald ein Bild auf Antrag seiner Anwälte irgendwo gesperrt wurde, tauchte es sofort an anderer Stelle wieder auf. Wie bei einer Hydra, der immer mehr Köpfe wachsen, wenn man einen abgeschlagen hat. Mosley hat den Ruf als der Mann mit den Nutten weg. Suchanfragen unter „Max Mosley Video“, „Max Mosley Party“, „Max Mosley Nazi“ führen zu den Bildern. Andere als Mosley würden als Betroffene vor Scham versinken, der 72-jährige Brite kämpft. Er ist unabhängig und hat genug Geld. Auf die Frage der
„Zeit“: Wollen Sie Google zu einer prinzipiellen Änderung seiner Geschäftspolitik zwingen? antwortet
Mosley: Was die Intimsphäre verletzende Fotos angeht, ja. So etwas dürfen sie nicht verbreiten und dann sagen, sie hätten davon nichts gewusst, obwohl ich sie oft genug darauf aufmerksam gemacht habe.
Nach Mosleys Meinung handelt es sich nicht um Zensur. Es gehe um die Frage, ob Google Material veröffentlichen dürfe, das für rechtswidrig erklärt worden sei. „Es ist ein fundamentaler Aspekt der Demokratie, das Rechtsstaatsprinzip zu respektieren. Google zeigt Geringschätzung für die europäischen Institutionen und die Demokratie, indem es Entscheidungen englischer, französischer und deutscher Gerichte einfach ignoriert. … Außerdem geht es hier um mehr als nur mich. Ich möchte, dass niemand derartige Fotos von sich im Internet sehen muss.“
Die Richterin im Hamburger Prozess fragte sich, ob sich Google auch bei Bildern schwerster Vergewaltigungen auf die Haltung zurückziehen könne, es habe mit den Inhalten, zu denen es seine Nutzer führe, nichts zu tun. Bisher gibt es eine Ausnahme: Google filtert Kinderpornografie aus seinen Suchergebnissen heraus. Mittels technischer Vorkontrolle und „manueller Nachkontrolle“. Das kostet viel Geld. Ein Erfolg Mosleys wäre ein Präjudiz. Unweigerlich würden dann auch andere kommen und versuchen, Google ihre Sicht aufzuzwingen. Dann wäre das Unternehmen gezwungen „auf Zuruf zu sperren“, wie sein Anwalt Jörg Wimmers bemerkte. Es geht um den Kern des Geschäftsmodells von Google.
Mit Max Mosley hat Google einen starken Gegner. Er will nötigenfalls bis zum Bundesverfassungsgericht und zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. Mosley, der gut Deutsch spricht, umgibt ohnehin die leicht glamouröse Aura des Automobilrennsports, in dem es bekanntermaßen viele Skandale gibt (Hans-Jürgen Jakobs, SZ, 13./14.10.12). Dafür steht schon Bernie Ecclestone. Max Mosley war bis 2009 der mächtige Präsident des internationalen Automobilverbands FIA. Er betont, dass vier der im Film zu sehenden fünf Frauen für ihn ausgesagt hätten. Die fünfte Frau und deren Mann, ein ehemaliger MI5-Agent, hatten gefilmt und dafür 45 000 Euro von „News of the World“ kassiert.
SZ: Sie führen jetzt ihren eigenen Krieg?
Mosley: In einem gewissen Sinne ja. Es geht um öffentliche Interessen. So wie in Deutschland im Fall von Bettina Wulff, die sich gegen Google-Links wehrt, die auf irgendwelche erlogenen Geschichten auf Escort-Services weisen. So etwas darf man nicht stehen lassen.
Dass in dem Sex-Film auch Nazi-Uniformen auftauchen, hat einen Teil der Öffentlichkeit zusätzlich elektrisiert. Max Mosley ist nämlich der Sohn des britischen Faschisten-Führers Oswald Mosley, der 1932 die Union der britischen Faschisten gründete. Seine Mutter Lady Mitford galt bis zu ihrem Tod 2003 als Bewunderin Adolf Hitlers. Dies nimmt man in Großbritannien anscheinend leichter als in Deutschland. Mosley selbst hat eine zeitlang bei den Tories mitgearbeitet, später bei Labour. Heute sagt er: „Ich bin ein Liberaler, links von der Mitte.“