Wir kennen den Fall von Ben Johnson (Kanada) 1988. Das staatliche DDR-Dopingsystem wurde aufgeklärt. Juventus Turin hatte in den neunziger Jahren ein eigenes Dopingsystem installiert. Richard Virenque (Frankreich) gestand sein Doping und wurde 1998 verurteilt. Marion Jones (USA), die Olympiasiegerin von 2000, hat im Knast gesessen. Der Tour de France-Sieger Alberto Contador (Spanien) war zwei Jahre gesperrt. Genügt das nicht allmählich um einzusehen, dass der internationale Hochleistungssport weithin kriminell und korrupt ist?
Wissen wir nichts von der Mitwirkung von Ärzten wie Michele Ferrari (Italien), Eufemio Fuentes (Spanien), Luiz Garcia del Moral (Spanien), Lothar Heinrich (Deutschland), Geert Leinders (Niederlande) und mehreren Ärzten aus dem Freiburger Universitätsklinikum an der weit verbreiteten Dopingpraxis? Haben wir da noch Zweifel an der Mitwirkung von Medizinern an kriminellen Handlungen? Sind nicht einige der Genannten lebenslänglich gesperrt? Waren nicht unser deutscher Held Jan Ullrich und sein Telekom/T-Mobil-Team in diese Machenschaften verwickelt? Hat nicht Erik Zabel wegen seines Dopings medienwirksam geweint? Ist es nicht allmählich genug mit diesen anscheinend unendlichen Kriminalgeschichten und ewigen Aufklärungskampagnen?
Wer sich mit dem 1000 Seiten umfassenden Bericht der US-Anti-Doping USADA über das von Lance Armstrong gesteuerte Dopingsystem befasst, kommt eventuell zu einem anderen Ergebnis (SZ-Berichterstattung vom 12. bis 20.10.12). Hier werden detailliert und ziemlich lückenlos Beweise geliefert für ein von einem „Tyrannen“ gesteuertes Betrugssystem, das mit Drohungen, Bestechung und mit der Protektion der UCI arbeitete. 202 Seiten umfasst allein die Urteilsbegründung der USADA. 27 Kronzeugen aus dem Feld der Radprofis haben gegen Armstrong unter Eid ausgesagt. Darunter so langjährige Kollegen von Armstrong wie George Hincapie, Floyd Landis und Tyler Hamilton. Fast alle haben Geständnisse in der eigenen Sache abgelegt. Lance Armstrong stand als Kapitän der Rennställe US-Postal und Discovery Channel im Zentrum „eines massiven Teamdoping-Systems, das umfassender war als jedes zuvor entdeckte in der Geschichte des Sports“. Er hat dafür seine erste Frau eingesetzt und praktisch keine Mittel gescheut.
Bei dem lebenslänglich gesperrten Michele Ferrari mussten die hilfesuchenden Radsportler z.B. einen Grundbetrag von 15 000 Dollar pro Jahr entrichten. Allein dadurch entfällt die Mär von der „Gerechtigkeit“ der Doping-Freigabe. Kuriere wie der „Motoman“ expedierten die Dopingmittel in die Hotels, Autobahn-Toiletten und Camping-Wagen. Es wird ausführlich geschildert, wie den Radsportlern Zeit gegeben wurde, kaschierende Salzlösungen zu sich zu nehmen. Geständige Sünder wie Jörg Jaksche und Patrick Sinkiewitz fanden nach Ablauf ihrer Sperren keine Arbeit mehr. Armstrong wurden alle Titel seit 1998 aberkannt. Muss hier nicht auch noch das IOC tätig werden angesichts von Armstrongs Bronzemedaille von 2000? Und hat nicht der weltbekannte Blutdoper Alexander Winokurow die Goldmedaille in London gewonnen? Fuhr nicht der aktuelle Giro-Sieger Ryder Hesjedal (Kanada) 2004 und 2005 für Armstrongs Team?
Armstrong hat andere Profis bedroht. Sie sind durch ihn um mögliche Siege und Prämien gekommen. Ihr Leben wurde einigen von ihnen von Armstrong „zur Hölle gemacht“. Er hat zahlreiche Mails geschrieben und andere Profis zum Doping veranlasst. Inzwischen hat sich sogar Armstrongs Sponsor Nike von ihm abgewandt. „Angesichts der unüberwindlichen Beweise, dass Lance Armstrong länger als ein Jahrzehnt an Doping teilnahm und Nike getäuscht hat, haben wir unseren Vertrag mit ihm tief betrübt beendet. Nike billigt den Gebrauch verbotener leistungsfördernder Substanzen in keiner Weise.“ Andere Sponsoren wie Trek, Anheuser-Busch, 24 Hour Fitness, FRS und Honey Stinger haben ihre Zusammenarbeit mit Armstrong ebenfalls gekündigt.
Der luxemburgische Verbandschef Jean Regenwetter fordert den Rücktritt der UCI-Spitze. Jaimie Fuller, Vorsitzender des Rabobak-Partners Skins, erwartet von der UCI-Spitze die Widerlegung der Vorwürfe im Fall Armstrong oder den Rücktritt. Das für Doping weithin bekannte Rabobank-Team zieht sich nach 17 Jahren aus dem Profi-Radsport zurück. Das betrifft auch Olympiasiegerin Marianne Vos. Bei Rabobank fuhren u.a. die Dopingsünder Jan Ras (Niederlande) und Michael Rasmussen (Dänemark). Der damalige Teamchef Theo de Rooij räumte ein, Doping toleriert zu haben.
Aus all dem ergibt sich schlüssig die Forderung nach einem Anti-Doping-Gesetz in Deutschland, wie es die USA, Frankreich, Großbritannien, Australien, Schweden und Italien inzwischen haben. In einigen Ländern wie Frankreich gibt es seit dem Anti-Doping-Gesetz dort keine international erfolgreichen Radsportler mehr. Helmut Digel, der Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletikverbands schreibt u.a. über die Freiburger Doping-Klinik: „Für jeden, der sich für einen sauberen Hochleistungssport einsetzt, der die sauberen Athleten schützen möchte, für jeden, für den das Fair-Play-Ideal grundlegende Bedeutung für die weitere Entwicklung des Hochleistungssports hat, ist der Umgang mit der Freiburger Doping-Affäre ein Skandal. Auf der Grundlage des bestehenden Rechts ist es möglich, dass Ärzte, die des Dopings überführt wurden, und ihre Mitwisser straffrei ausgehen und dass niemand die Approbation von Doping-Ärzten in Frage stellt.“