261: Was der Sport in Deutschland will und soll: Diskussion über die Sportförderung

Sechs Wochen nach Ende der Olympischen Spiele von London gibt es im deutschen Sport eine Bestandsaufnahme und beginnt die Zukunftsplanung. Der DOSB hat das Interesse, die Diskussion bald hinter sich zu lassen (Thomas Kistner, Claudio Catuogno, Boris Herrmann SZ 26. und 27.9.12), weil Dr. Thomas Bach, sein Präsident, 2013 IOC-Präsident werden möchte. Ein Projekt, das er wohl seit 20 Jahren verfolgt. Durchaus legitim.

Nun fahren der Präsident und der Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) dazwischen, Thomas Weickert und Hans-Wilhelm Gäb, zwei anerkanntermaßen verdiente Sportfunktionäre. Sie stellen das System der Sportförderung in Frage. Es gehört deswegen auf den Prüfstand. Aus der Wissenschaft hatten schon Wolfgang Maennig (Uni Hamburg) und Arne Güllich (TU Kaiserslautern) die Effizienz der deutschen Sportförderung bezweifelt („Im besten Fall bewirkt es nichts.“).

130 Millionen Euro werden dem Spitzensport jedes Jahr vom Bund zur Verfügung gestellt. Dazu treffen das Bundesinnenministerium und der DOSB Zielvereinbarungen mit den Spitzenverbänden des Sports. Ein letztlich schlüssiger Vorgang zur Verteilung der Mittel. Weickert und Gäb schreiben in ihrem Papier: „Wir hätten erwartet, dass der DOSB nach London eine Diskussion über die Frage anstößt, wie die Sportförderung in Zukunft aussehen soll.“ Das Papier ist eine Abrechnung mit der Art und Weise, wie Innenministerium und DOSB sich mit dem Fördergeld quasi Medaillen kaufen. Sie verlangen eine Reform. Ihrer Meinung nach entspricht das Fördersystem „in wichtigen Teilen der in einer offenen Gesellschaft erforderlichen Transparenz, Begründbarkeit und Verständlichkeit nicht mehr“.

Die Autoren Weickert und Gäb nehmen an, dass Erfolge im Sport das Image einer Nation ebenso prägen wie technische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Leistungen. Im Sport werde eine Leistungsbereitschaft vorgelebt, wie sie für die Mobilisierung von Kindern und Jugendlichen erforderlich sei. Die Förderung des Spitzensports sei überhaupt nur legitimierbar durch seine Beziehung und Stützung für den Breitensport. „Beim einseitigen Streben nach olympischen Medaillen, der derzeit zentralen Grundlage der Sportförderung, wird die Wichtigkeit der Vereins- und Breitensportstruktur in Deutschland völlig außer Acht gelassen.“

Hier kommen wir auf die unterschiedlichen Interessen der Verbände. Diejenigen wie der DTTB mit vielen Mitgliedern betonen die Stützung auf den Breitensport. Sie würden bei der Berücksichtigung der Mitgliederzahl mehr Geld bekommen. Andere Sportarten wie Eisschnelllaufen und Bobfahren bekämen weniger, auch wenn sie Medaillen gewinnen. Weickert und Gäb: „Die derzeit grotesk überhöhte Förderung von Sportarten, hinter denen keine Breitensportbewegung steht und deren gesellschaftspolitischer Nutzen deswegen begrenzt ist, sollte auf ein vernünftges Maß zurückgeführt werden.“ Anders sieht das Turnpräsident Rainer Brechtken: „Alle Athleten, die sich dem Leistungssport widmen, haben Anspruch auf Förderung, unabhängig von der Größe ihres Verbandes.“ Weickert und Gäb verlangen darüberhinaus, dass Medaillen in Spielsportarten mehr wert sein müssen als etwa im Schwimmen, wo es über 60 Entscheidungen gibt.

Die SZ gibt einen guten Überblick:

Eisschnelllauf: 1223 Mitglieder; Grundförderung: 1365500 Euro; Projektförderung: 35500 Euro; Förderung je Mitglied in Euro: 1406,79;

Bob & Schlitten: 7247; 2148562; 410000; 353, o5;

Fechten: 25647; 1536100; 402000; 75,57;

Rudern: 81391; 2009200; 1068000; 37,81;

Hockey: 75358; 1020800; 468000; 19,76;

Kanu: 116588; 1805100; 420000; 19,09;

Ringen: 65803; 828100; 265000; 16,61;

Judo: 168664; 955400; 100000; 6,26;

Volleyball: 467362; 871880; 270000; 2,44;

Tischtennis: 606075; 509500; 300000; 1,34.

In London war bei der Zahl der Medaillen ein „Aufwärtstrend“ zu verzeichnen, bei der Zahl der Sportarten, in denen Medaillengewonnen wurden, ein „Abwärtstrend“, weil es Medaillen nur in 17 Sportarten gab (Peking: 22).

Die Zahl der Kritiker des Sportförderungssystems aus der Wissenschaft, bei einzelnen Verbänden, in der Politik und bei einzelnen Hochleistungssportlern wie Robert Harting und Imke Duplitzer wächst. Nicht alle formulieren sehr präzise. Manche lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Der Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop kritisiert „das alleinige Abstellen der Förderkriterien auf den Erfolg bei Olympia“. Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestags, Dagmar Freitag (SPD), findet es „ausgesprochen begrüßenswert“, dass sich die Spitzenverbände endlich laut und deutlich in die Diskussion einschalten. „Die Autonomie des Sports berechtigt nicht dazu, die Öffentlichkeit und die Politik auszusperren.“

Die SPD ist es auch, die den Sport in die Verfassung schreiben will. Sie hat einen „Entwurf eines Gesetzes zur Aufnahme von Kultur und Sport in das Grundgesetz“ vorgelegt. 2007 hatte der Bundestags-Rechtsausschuss sich zwar für die Aufnahme von „Kultur“ in die Verfassung ausgesprochen, aber gegen die Aufnahme von „Sport“. Die Sportverbände verweisen auf die ökonomische Bedeutung des Sports, er habe mit einem Umsatz von 15 Milliarden Euro die heimische Textilindustrie überholt. Der Sport beschere der Gesellschaft 700000 Arbeitsplätze. 25,5 Millionen Menschen seien in 91000 Sportvereinen organisiert.

Ein Streitpunkt ist noch völlig ungeklärt: die finanzielle Unterversorgung der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte das Ziel gestellt, stärker „die Wirtschaft“ dazu heranzuziehen. Tatsächlich hat Friedrich rund eine Million Euro an Zuwendungen des Bundes aus dem Nada-Etat gestrichen. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Zahl der Dopingtests reduziert werden muss. Die Sportpolitiker der Grünen haben vorgeschlagen, Spitzensportförderung und Dopingbekämpfung zu verknüpfen. Fünf Prozent der staatlichen Fördergelder müssten automatisch in den Anti-Doping-Kampf fließen. Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) ist skeptisch: „Ich habe den Glauben verloren, dass sich die Wirtschaft am Kampf gegen Doping beteiligen will.“ Frau Freitag denkt über eine staatliche Nada nach, hat dafür aber noch keine Finanzierung.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.