Borussia Mönchengladbach nach Marco Reus: die Strategie

In der letzten Saison stand Borussia Mönchengladbach kurz vor dem Abstieg aus der Bundesliga. Er konnte vermieden werden. Danach begeisterten die Borussia-Fans sich an dem nahezu einmaligen Erfolgsweg des Klubs bis auf den vierten Tabellenplatz. Und die Fußballfans in Deutschland konnten ihn nur mit Anerkennung begleiten. Bei der Borussia stellen sich dann leicht Erinnerungen an die Erfolgsmannschaft der siebziger Jahre ein (mit Günther Netzer, Jupp Heynckes, Hacki Wimmer, Berti Vogts, Herbert Laumen, Horst Köppel und anderen). Einen nicht geringen Anteil an dem aktuellen Erfolg hat sicher Marco Reus gehabt. Sein Transfer nach Dortmund für 17 Millionen Euro ist noch in aller Munde. Mit Roman Neustädter verlässt ein zweiter sehr guter junger Spieler im Sommer 2012 den Verein.

Wie es mit Borussia Mönchengladbach danach weitergeht, darüber haben Ulrich Hartmann und Philipp Selldorf ein Interview mit Sportdirektor Max Eberl (SZ 19.1.12) geführt. Es zeigt eine bedachte und systematische Strategie, die erfolgversprechend sein könnte. Sie ist auf Kontinuität ausgerichtet. Zunächst betont der junge Sportdirektor, dass angesichts der Transfers im Sommer keine Depression in Mönchengladbach herrscht, sondern dass an das Spiel gegen den FC Bayern München gedacht wird.  „Das, was tatsächlich in Gladbach herrscht, ist die Vorfreude auf ein Topspiel des Vierten gegen den Ersten mit Übertragungen in 180 Länder.“

Der Verein werde nun nicht das Geld mit vollen Händen rauswerfen, sondern gezielt wiederum in junge Spieler investieren. „Die Suche hat nicht am 3. Januar begonnen – die Suche hat vor drei, vier Jahren begonnen. Den Spieler, den wir jetzt holen werden werden, den haben wir durch unser Scouting wahrscheinlich mit 16 Jahren schon gekannt. Das war bei Marco ja auch schon so, für den wir 800000 Euro bezahlt haben, um ihn aus Ahlen zu holen – viel Geld für Gladbacher Verhältnisse.“ Außerdem würden mehrere Spieler gesucht.

Eberl erweckt den Eindruck, nicht an Zufällen und Einzelheiten orientiert zu sein, sondern an einer Linie, die langfristig Kontinuität bietet. „Für uns zählt die Gesamtstruktur, dass nicht einer utopisch bezahlt wird und die anderen schlecht. Wir haben mit Torwart ter Stegen verlängert und mit Jantschke, wir werden mit Arango verlängern … Aber wir werden keine verrückten Dinge machen. Wir werden nicht alles auf einen Spieler setzen und sagen, so, du mit deinen Millionen musst jetzt aber mal – das hat Gladbach schon einmal erlebt mit Stefan Effenberg, als sich sehr viel auf ihn fokussiert hat, und als dann die anderen irgendwann gesagt haben: Wir jetzt auch! Wir versuchen, eine gesunde Struktur beizubehalten.“

Eberl lobt den Trainer Lucien Favre. „Er ist sehr fixiert auf seine Arbeit, bewertet alle Facetten seiner Mannschaft, ärgert sich, lobt, sagt immer wieder: ‚Wir müssen positiv bleiben‘. Er hat eine Riesenqualität, mit jedem einzelnen zu arbeiten und das Gesamtkonstrukt auf den Platz zu bringen. Er ist sehr kommunikativ, holt Meinungen ein. Er arbeitet viel für sich allein in der Vorbereitung, aber er zieht sich nicht zurück und lässt nicht das Genie raushängen. Wenn wir zum Beispiel über Transfers nachdenken, bringen wir unsere Gedanken zusammen.“

Mittel- und langfristig sei es seine, Eberls, Planung, Kontinuität in den Verein zu bringen. „Kontinuität à la Werder Bremen.“ Nachdem der Klassenerhalt geschafft worden sei, habe man noch den Versuch von Stefan Effenberg abwehren müssen, das Kommando zu übernehmen. Dass dies gelungen ist, empfinde ich, Wilfried Scharf, als ein Glück für Borussia Mönchengladbach. Der Sportdirektor gibt sich bewusst bescheiden. „Man hat sich jetzt die ersten Meriten verdient. Wichtig ist mir, meine Glaubwürdigkeit und Gradlinigkeit zu bewahren.“

Vorbild für Max Eberl ist nicht nur Werder Bremen, sondern vor allem Uli Hoeneß: „Uli Hoeneß ist für mich definitiv ein Vorbild. Ich habe dreizehneinhalb Jahre dort gespielt und viel mitbekommen. Ich war dort, als die Säbener Straße zum Bayern-Imperium gemacht wurde, als mit Hermann Gerland und Wolf Werner zwei Toptrainer für den Jugendbereich verpflichtet wurden. Hummels, Badstuber, Müller, Kroos, Lahm, Schweinsteiger – alle haben dort eine Basis gefunden.“

Ich drücke Max Eberl für seine Arbeit die Daumen. Und wenn die Erwartungen der Gladbach-Fans nicht gleich wieder überschnappen, könnte sie tatsächlich einmal von Erfolg gekrönt sein.

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