555: Renate Lasker-Harpprecht folgt Hans Sahl und trifft Werner Höfer.

Renate Lasker-Harpprecht ist 90. Die aus einer Breslauer jüdischen Familie stammende Journalistin hat Auschwitz überlebt. Ihr Vater war Rechtsanwalt, die Mutter Musikerin. Sie wurden 1942 deportiert und umgebracht. Renates Schwester Anita, eine begabte Cellistin, gehörte zum Mädchenorchester von Auschwitz. U.a. das hat den beiden Frauen das Überleben erleichtert. Nach Auschwitz kamen sie nach Bergen-Belsen. Nach dem Krieg hat Renate Lasker-Harpprecht für die BBC, den WDR und das ZDF gearbeitet. Sie folgt Hans Sahls Motto „Wir sind die Letzten. Fragt uns aus!“ Giovanni di Lorenzo hat Frau Lasker-Harpprecht für die „Zeit“ (30.4.14) interviewt.

Zeit: Gab es denn unter den Häftlingen eine Art Zusammenhalt? Oder war sich in Auschwitz jeder selbst der Nächste?

Lasker-Harpprecht: Jeder war sich selbst der Nächste, keine Frage. Aber in der Baracke, in der meine Schwester war, da gab es ein paar Mädchen, die sich zusammengetan haben. Das hat mir immer sehr imponiert. Abgesehen von meiner Schwester waren es alles Französinnen. Elaine hieß die eine, die ich nie vergessen werde, die hat sich auch im kältesten Winter mit Schnee gewaschen. Wir haben uns nicht mehr gewaschen, weil das zu sehr gejuckt hat. Aber die hat sich von oben bis unten mit Schnee abgerieben, jeden Tag. Das hat sie am Leben gehalten. Und sie war außerdem eine gute Geigerin, das hat auch geholfen.

Zeit: Haben denn die Jüdinnen in ihrer Baracke ein bisschen zusammengehalten?

Lasker-Harpprecht: Nur wenn sich zwei angefreundet haben. Es geht auch nicht darum, wer zusammenhält, sondern wer sich am wenigsten oder am meisten hasst. Das ist ein großer Unterschied. Natürlich kann man nicht sagen: „Alle Polen haben uns gehasst oder alle Russen.“ Aber nach dem Krieg habe ich in einer Gesprächsrunde eine Bemerkung gemacht, die viel Ärger auslöste. Ich habe ein selbst erlebtes Beispiel aus Auschwitz erwähnt: Als ich erst ein oder zwei Tage dort war, standen zwei polnische Mädchen neben mir. Und ich fragte: „Was stinkt denn hier so schrecklich?“ Das war der Schornstein vom Krematorium. Da kam ein fetter, schwarzer Rauch raus. Und die sagten: „Das sind deine Eltern, die gerade durch den Schornstein gehen.“ Wenn man so etwas erlebt hat, verallgemeinert man schnell. Klaus, mein Mann, sagte dann immer, mit ein bisschen Ironie, ich sei rassistisch, weil ich’s mit den Polen habe. Ich habe mir das jetzt auch abgewöhnt.

Zeit: … und haben es (die Deutschen) nicht gewusst?

Lasker-Harpprecht: Natürlich haben die das gewusst! Aber die Leute hatten Angst, was zu sagen. Das ist die Misere in allen Diktaturen. Die durften von einem gewissen Punkt an keinen Fuß mehr in die Lüneburger Heide setzen. Von wegen Heide-Romantik! Ich hasse die Lüneburger Heide und will die niemals wiedersehen. Wir sind ja kilometerweit marschiert bis zum Lager. Auch durch Ortschaften. Da werden sie mir doch nicht sagen, dass die Deutschen nicht wussten, dass da ein KZ ist.

Zeit: Ist es Ihnen .. schwergefallen, nach Deutschland zurückzukehren?

Lasker-Harpprecht: Nein. Schon bald nach der Befreiung habe ich mir vorgenommen, dass ich mir nicht den Rest meines Lebens von Hitler diktieren lasse. Darum hatte ich keine Probleme mit den jungen Deutschen, die ich beim Auslandsdienst der BBC in London kennenlernte. Und darum kam ich dann auch mit den meisten Leuten beim WDR in Köln gut aus. Ich hatte allerdings ein Problem mit dem Höfer.

Zeit: Mit dem Fernsehjournalisten Werner Höfer? Damals wusste man sicher noch nicht, dass er 1943 die Hinrichtung eines jungen Pianisten gutgeheißen hatte.

Lasker-Harpprecht: Nein, damals wusste ich das noch gar nicht. Er war Gast bei unserer Hochzeitsfeier in Köln. Er hat fürchterlich viel gesoffen, und er ist mir auf die Pelle gerückt. Er guckte mir ganz tief in die Augen und sagte: „Sie schöne Jüdin, Sie.“ Da kann man doch eigentlich nur kotzen. Aber ansonsten hatte ich, wie gesagt, eigentlich keine Schwierigkeiten. Das ist auch einer der wenigen Vorteile des Alters, dass ich mir nichts mehr gefallen lasse.

Zeit: Glauben Sie noch an den Menschen, jedenfalls im Großen und Ganzen?

Lasker-Harpprecht: Nein, eigentlich nicht? Ich habe gelernt, genau zu beobachten. Ich schaue jetzt durch die Menschen durch. Das klingt etwas zu einfach, aber ich weiß sofort, wie sich diese Menschen benommen hätten, wenn sie mit mir in einer Zelle gesessen hätten.

 

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