500: Kritik an der „taz“, Moral und Migrations-Quote

Anlässlich der Pädophilie-Debatte ist die Kritik an der „taz“, die vorher schon vernehmlich war, verschärft worden. Ziel war dabei hauptsächlich die Chefredakteurin Ines Pohl. Von Claudia Fromme ist sie in der SZ (18.10.) interviewt worden.

SZ: Vor Ihrem Start haben Sie gesagt, dass die „Taz“ „linker und frecher“ werden muss. Jetzt ziehen Sie also die Handbremse. Sind Sie vom Fundi zum Realo geworden?

Pohl: Ich war immer mehr Realo als Fundi. Frech sein heißt nicht, Thilo Sarrazin den Tod an den Hals zu wünschen oder Peter Altmaier zwangszuouten.

SZ: Sie mussten Thilo Sarrazin 20.000 Euro Entschädigung zahlen, von der Geschichte über Peter Altmaier haben Sie sich im Hausblog distanziert. Das sind doch alles Sachen, für die sie als Chefredakteurin verantwortlich sind.

Pohl: Es ist wichtig für die „taz“, dass es Freiräume gibt, die nicht so strikt kontrolliert werden. Wir sind immer dann richtig gut, wenn wir an Grenzen herangehen. Da muss man in Kauf nehmen, auch mal übers Ziel hinauszuschießen. Ethische Standards müssen aber eingehalten werden. Ich wünsche mir sehr, dass wir als Gesamt-„taz“ da ein anderes Bewusstsein entwickeln.

SZ: In einem Interview mit einem Organisationspsychologen sagten Sie 2010, dass man bei der „taz“ Themen nicht unterbinden kann. Den Text Ihres Redakteurs Christian Füller zu Pädophilen bei den Grünen haben Sie von der Seite gekippt. Weil die Thesen Ihnen nicht passten?

Pohl: Zensur ist das Schlimmste, was man mir vorwerfen kann. Das Original war nicht druckbar. Man kann Daniel Cohn-Bendit nicht als den populärsten Verherrlicher der Pädophilie bezeichnen. Er hat das damals verharmlost, vielleicht auch verherrlicht, aber heute nicht mehr. Der Text war handwerklich schlecht. Diese Meinung teilt Dreiviertel der Redaktion. Wer steile Thesen hat, muss sie mit Argumenten belegen. Die fehlten. Der Kollege ist beurlaubt, es laufen arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen.

SZ: Ist die Kritik härter, weil man in einem Kontext arbeitet, in dem die moralischen Standards noch höher sind?

Pohl: Unbedingt. Die Fallhöhe ist größer, vor allem, wenn man sich so hoch auf einen Baum setzt, wie wir das gerne tun, und Kokosnüsse herunterschmeißt. Grundsätzlich haben unsere Leser eine sehr große Identifizierung mit „ihrer ‚taz'“. Als wir kritisch über Jürgen Trittin berichtet haben und seine Rolle bei der Pädophilie-Geschichte aus den Gründerjahren der Grünen, gab es einen Shitstorm und Abbestellungen. „Wie könnt Ihr unsere Sache verraten?“ fragten mich Leser. Hier frage ich natürlich zurück: Was ist denn unsere Sache? Unabhängiger Journalismus, dafür stehen wir doch. Wenn das höchste Gut der „taz“ ihre Unabhängigkeit ist, vom Werbemarkt, von Konzernen, von irgendwelchen anderen Akteuren, da müssen wir auch kritisch sein, was unsere eigene Klientel angeht. … Ich finde, die „taz“ braucht eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund. 20 Prozent würden dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen. Wir haben in der Redaktion vielleicht drei Prozent aktuell. In den nächsten drei Jahren sollten wir alles daran setzen, die 20 Prozent zu erreichen.

SZ: Die „taz“ war die erste Tageszeitung in Deutschland, die online gegangen ist. So wie es aussieht, werden Sie die letzte bleiben, die keine Paywall hat.

Pohl: Niemand weiß, was in fünf oder zehn Jahren passiert. Wir nehmen etwa 10.000 bis 11.000 Euro im Monat mit freiwilligen Zahlungen ein. Die „taz“-Philosophie ist, dass uns so viele Menschen wie möglich lesen können sollen, darum wird es nie eine strikte Paywall geben. Wir hoffen über andere kreative Einnahmequellen Geld zu erwirtschaften. Crowd-Funding ist ein Beispiel. Wir haben schon einen Recherchefonds für Auslandsgeschichten. Eine weitere Möglichkeit ist es, auf „taz.de“ um Unterstützung für konkrete Reportagen zu bitten.

SZ: Wird es die „taz“ weiter jeden Tag geben?

Pohl: Das ist eine gute Frage. Die täglich gedruckte Zeitung ist immer noch die Haupteinnahmequelle, 60 bis 70 Prozent der Einnahmen der „taz“ kommen aus der täglichen verkauften Ausgabe. Ich hoffe, dass es die „Tageszeitung“ noch lange gibt, und es gibt auch keine konkreten Pläne, die tägliche Zeitung einzustellen. Aber man muss ehrlich sein: Es wäre auch möglich, dass die „taz“ irgendwann nur noch dreimal pro Woche in gedruckter Form erscheint.

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