434: Pep Guardiola hat mit Woody Allen gegessen.

Pep Guardiolas Vorbild ist Cesar Luis Menotti, der Trainer des Fußballweltmeisters von 1978, Argentinien. Der inzwischen 75-jährige Erfolgstrainer hat sein Büro nach wie vor in Buenos Aires. Er gilt als Vertreter des „linken“, romantischen Fußballs, offensiv mit kurzen, schnellen, eleganten Pässen, gegen den „rechten“, defensiven, hässlichen, körperbetonten Stil. Auf dem Schreibtisch hat „El Flaco“ (der Schlanke) ein Foto von Che Guevara, der ebenso wie Menotti und Messi aus Rosario stammt. Ein anderes Foto zeigt Menotti mit dem Schriftsteller Jorge Luis Borges. Peter Burghardt hat Cesar Luis Menotti für das SZ-Magazin interviewt (21.6.13).

SZ: Der Bayern-Trainer Pep Guardiola verehrt Sie. Er kam 1984, als Sie Trainer in Barcelona waren, gerade zu Barcas Nachwuchs, mit 13. Viel später besuchte er sie in Buenos Aires. Wie fühlt man sich als Mentor des Wundertrainers?

Menotti: Guardiola ist ein Trainer aus unserer Ecke, aus Berufung. Als er 2007 beschlossen hatte, Trainer zu werden, kam er nach Argentinien und rief mich an. Wir gingen essen und blieben von neun Uhr abends bis drei Uhr morgens im Lokal sitzen. Das war, bevor er die zweite Mannschaft des FC Barcelona übernahm. Ich habe viel Zuneigung und Respekt für ihn, er ist ein Fachmann und lerneifrig. Er wusste genau, was er wollte.

SZ: Inzwischen gilt Pep Guardiola als Magier, weil er mit dem FC Barcelona alles gewonnen hat. Dann zog er mit seiner Familie zum Sabbatical nach Manhattan, aß mit Woody Allen und unterschrieb beim FC Bayern. Was für ein Typ ist er?

Menotti: Ein großartiger, intelligenter Trainer, der den Fußball liebt, aber nicht nur den Fußball. Frei nach Hippokrates: Wer nur die Medizin kennt, der weiß nichts von der Medizin, und wer nur vom Fußball was versteht, der versteht nicht mal was vom Fußball. Guardiola kennt mehr als nur Fußball. Der Junge ist kulturell gebildet, mag Theater. Und er hat ein gutes Gehör, der Fußball braucht auch Ohren.

SZ: Ohren?

Menotti: Der Fußball klingt in deinem Kopf als Trainer. Entweder klingt er wie eine Herde wilder Pferde oder wie ein Sinfonieorchester mit Violinen wie Iniesta und einem Cello wie Busquets. Eine Fußballmannschaft ist wie ein Orchester, ein Ergebnis von Proben und Einsatz der Musiker.

SZ: Außer Guardiola machen es auch andere jüngere Trainer wie Jürgen Klopp von Borussia Dortmund nicht schlecht, oder?

Menotti: Zum Beispiel. Dortmund hält das in den wichtigen Spielen nur nicht durch. Die spielen im Smoking, aber wenn noch 15 Minuten zu spielen sind und das Fest schwierig wird, dann ziehen sie den Smoking aus und streifen den Overall über, und dann spielen sie am schlechtesten. Wie gegen Real Madrid und Bayern München. Die Bayern haben auch deswegen gegen sie gewonnen. Man braucht viel Überzeugung, Klarheit und Charakter. Eine Meisterschaft gewinnt jeder, den Europacup haben auch schon viele Dummköpfe und Ignoranten gewonnen. Aber in fünf Jahren 15 von 19 Titeln gewinnen wie Guardiola und dabei Spieler austauschen, die zusammen 50 Tore geschossen haben, so einen musst du erst mal finden. Für mich ist die Arbeit Guardiolas brillant, fast einzigartig. … Pep freut sich auf die Aufgabe, auch die Stadt gefällt ihm. Er spricht gut Englisch und Italienisch, Deutsch wird ihm nicht schwerfallen. … Ich finde, er ist ein sehr deutscher Katalane, geordnet, ernsthaft. Er arbeitet viel, trainiert viel. Seine Persönlichkeit passt zu München, das ist die Stadt für ihn.

SZ: München und die Bayern dürfen sich also auf Pep Guardiola freuen?

Menotti: Die Spieler wissen schon, was er will. Außerdem ist er obsessiv, ohne zu nerven. Schaut viele Spiele, studiert, kennt seine Spieler und will korrigieren, ohne die Schuld abzuladen. …

SZ: Inzwischen ist der deutsche Fußball überhaupt hübsch anzusehen, oder?

Menotti: Ich wusste noch nie, wieso alle nur von Kraft und Disziplin der Deutschen reden, das ging mir schon immer auf die Nerven. Da gab es Overath, Beckenbauer und so weiter. Die spielten gut, sie hatten nur nicht immer den richtigen Trainer. Und wenn jemand was von Philosophie, Musik, Literatur. Kreativität und Kunst versteht, dann die Deutschen, trotz der Kriege. Die Deutschen sind lustige Typen, saufen bis sechs Uhr morgens und stehen um acht Uhr wieder auf der Matte. Die Deutschen bauen schöne Autos. Jetzt spielen sie auch noch herrlich Fußball. Ihr habt ein wunderschönes Land. In München fahren Frauen auf Fahrrädern mit ihren Kindern hinten drauf, keine Huperei den ganzen Tag wie hier. Guradiola wird sehr glücklich sein.

SZ: Bayern kauft Dortmund für 37 Millionen Euro Götze weg, Barcelona zahlt 57 Millionen Euro für Neymar. Was sagt einer zu solchen Summen, der sich wie Sie „hormoneller Marxist“ nennt?

Menotti: Der Ausdruck stammt vom Schriftsteller José Saramago, aber ich fühle mich auch so. Ich empfinde eine gewisse Abscheu für den Kapitalismus. Ich glaube, dass es keine dermaßen ungerechte Welt geben darf. Aber gut, wir leben alle von Geschäft Fußball. Man soll nur innerhalb dieses Systems das Kulturgut Fußball respektieren, das Spiel. Heute gehört der Fußball zum Big Business, und wenn da beschlossen wird, dass um drei Uhr morgens gespielt wird oder in Afrika, dann spielt man um drei Uhr morgens oder in Afrika. Argentinien und Brasilien haben heute keine Fußballkultur mehr. Früher war es in Europa so, jetzt ist es umgekehrt.

One Response to “434: Pep Guardiola hat mit Woody Allen gegessen.”

  1. hd sagt:

    Danke Wilfried, das war interessant!

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