408: Als Elvis nach Bremerhaven gekommen war – Horst Königstein ist tot.

Er hat „Die Manns“ gedreht und das „Todesspiel“ (beides gemeinsam mit Heinrich Breloer), der große Fernsehmann Horst Königstein, ein Solitär unter den deutschen Regisseuren. Das ganze Bildungsbürgertum erkannte ihn an. Weil er selber ein Bildungsbürger war, der die Literatur liebte. Nun ist Horst Königstein gestorben. Und Tobias Rüther widmet ihm ein Andenken, das der Differenziertheit von Horst Königstein gerecht wird (FAS 19.5.13).

Darin zeigt Rüther, dass Königstein nicht nur der Mann im Mainstream war, dessen Filme stets zu Weihnachten wieder ausgestrahlt wurden. Wie Rudolf Borchardt über Thomas Mann gegiftet haben soll, er sei der deutsche Schriftsteller des Gabentischs. Königstein war auch der Regisseur von „Sympathy for the Devil“ und Fan, der die Sehnsucht der Rezipienten verstand und ihr gerecht werden konnte. Er verehrte Ringo Starr, Udo Lindenberg, Peter Gabriel, Nadja Tiller, Joan Crawford und den „Denver Clan“.

Rüther geht in Königsteins Kindheit zurück. „Und das ist die erste Erinnerung von Horst Königstein an sein Fernsehen: Wie er als kleiner Junge immer wieder denselben Weg ging, am Torfkanal aus dem Teufelsmoor entlang, zu Freunden seiner Eltern in der Bremer Kleingartensiedlung, die einen Apparat hatten, von Nordmende, mit goldgerändertem Bildschirm. Und wenn der Vater mitkam, dann gab es Fußball, und wenn die Mutter mitkam, dann eben nicht, und wenn Horst alleine ging und sich danach auf den Heimweg machte, im Dunkeln, dann rechnete er hinter jedem Baum mit Gespenstern. Und dass der Vorgang des Anschaltens so lang war wie dieser schwarze Weg am Kanal entlang: daran erinnerte er sich genau. Und dass es wie im Kino war, daran auch: Erst wird es dunkel, dann kommen die hellen Bilder, und dann wird es wieder dunkel, dann verfolgen einen die eigenen Bilder.“

Ich habe den später promovierten Medienpädagogen Horst Königstein 1969 beim Fernsehen von Radio Bremen kennengelernt. Immer freundlich, höflich und ungeheuer fleißig. Er verbrachte seine Tage im Schneideraum. Und er war ein lebendes Lexikon in Sachen Popmusik und Popkultur. Bei uns im Haus am Bremer Kreuz gaben sich die Größen der Popmusik die Tür in die Hand. Wegen Michael Leckebuschs „Beatclub“. The Who, Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich, Eric Burden, fast alle, die Rang und Namen hatten. Horst Königstein kannte sie alle genau. Und er dechiffrierte die politische Funktion ihrer Popmusik.

Weit vor uns anderen erkannte Horst Königstein die Funktion des Massenmediums Fernsehen („Wir behaupten: Das Fernsehen darf alles – weil es dem Leben in Bild und Ton näher ist als alle anderen Medien.“). Er orchestrierte es für die Sehnsüchte der kleinen Leute. Etwa da, wo er einen kleinen Jungen zeigt, der sich auf sein Rad schwingt und zu „Born to be wild“ von Steppenwolf durch die Straßen jagt, ein „Easy Rider“ aus der Vorstadt. Wir haben Horst Königstein Mitte der siebziger Jahre als Lehrbeauftragten für unser Institut gewonnen, worauf ich heute noch stolz bin. Aber nicht alle simplen Studenten verstanden ihn.

„Mit dem ‚Easy Rider‘-Schauspieler Dennis Hopper hatte sich Horst Königstein sogar angefreundet. Sie hatten ein Interview gemacht, …, bei dem Hopper von seiner Kindheit in Dodge City erzählte, wo er mit fünf Jahren zum ersten Mal im Kino war und sonst den Gleisen hinterherschaute, das waren aber auch wieder nur Transportmittel um abzuhauen. ‚So entstehen die Träume‘, sagte Hopper. ‚Jemand erzählt von der Welt da draußen. Züge fahren vorbei. Ich stehe in einem Weizenfeld und schaue den Zügen nach. Es gab keine Berge, es gab keine Wolkenkratzer, da war nichts, alles flach. Und ich habe mich gefragt, wohin die Züge fahren, wohin sie fahren.'“

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